Die allerorten in den gemeinen Sprachgebrauch eingebrannte Begrüßungsfloskel „Wie geht’s?“, die höchstens noch von prinzipientreuen Sprachpuristen ernst genommen wird, aber dennoch zur festgefügten deutschen Folklore gehört, hat Konkurrenz bekommen. In Zeiten, da in erster Linie die drohende Erkrankung im Focus steht, sind etwaige psychische, soziale oder wirtschaftliche Empfindungen Nebensache. Vor allem der körperliche Status ist von Wichtigkeit; und so reduziert sich die Gesprächseröffnung neuerdings auf die schlanke Frage: „Alles gesund?“, gern auch mit einem munteren „Na?“ als Auftakt. – „Na? Alles gesund?“ Nicht etwa „alle“, dann hätte die Frage wirklich und ausschließlich auf Personen abgezielt – nämlich den Angesprochenen, seine Familie und engste Freunde. Das Neutrum „alles“ bezieht en passant sämtliche Faktoren mit ein, die darüberhinaus von Bedeutung sein könnten: Arbeit, Konto, Haustiere und so fort.

Auf die umfangreiche Frage „Wie geht’s?“ folgte als Antwort (nachdem das altgediente „Danke, gut“ mittlerweile zu offensichtlich nach Lüge müffelte) beinahe zwangsläufig das alles hinnehmende, aber doch auch eine positive Tendenz andeutende „Muss ja“.  Alles ist im Fluss, und das Leben nimmt seinen Gang. Aber, wie es mit alt hergebrachten, ritualisierten Formeln im Lauf der Jahrzehnte zwangsläufig geschieht, werden sie von unserem inneren Scherzkeks immer mal wieder gebrochen. Etwa mit einem „Irgendwas ist ja immer“ oder „Gut, nur der Alltag macht Probleme“.

Was nun wird die Antwort auf die neue Formel „Alles gesund?“ sein? – Wie bei ihrer Vorgängerin kann es nur eine ebenso stoische wie tendenziell hoffnungsfrohe Phrase sein. Ich tippe auf „Wird schon“. Es wird nicht explizit behauptet, dass alle auf dem Posten sind, aber wenn nicht, dann kommt das bestimmt wieder in Ordnung.

„Alles gesund?“ – „Wird schon.“ – Nicht originell, aber auch nicht schlimm und auf jeden Fall mit Zuversicht in die Zukunft gefloskelt.

 

(Andreas Scheffler, April 2020)

Andreas Scheffler: „Alles gesund?“

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