Zwischen 13 und 15 Uhr mache ich keinen Krach in meinem Garten. Das bedeutet, ich mähe keinen Rasen, werfe die Kreissäge nicht an und benutze auch keine anderen lärmenden Geräte. Ich halte die Mittagsruhe ein, wie man so sagt. Am frühen Nachmittag genießt der eine und andere gern ein kleines Schläfchen, und nichts ist entnervender, wenn man gerade dabei ist, in Morpheus Armen einzuschlummern, als wenn ein röhrender Rasenmäher oder eine kreischende Säge einen aus den Träumen reißt oder gar nicht erst zur Ruhe kommen lässt. Die Mittagsruhe ist keine gesetzliche Vorschrift, für mich aber ein Brauch, den die Höflichkeit gebietet. Nicht viele fühlen sich diesem Gebot verpflichtet.

Heute aber liegt Stille über dem Schulzensee. Allein die nahe Autobahn legt einen Klangteppich über das Dorf, den der Ansässige kaum noch zur Kenntnis nimmt und als leichtes Säuseln im Hintergrund verbucht. Ich bin gerade dabei, die Sonnenblumen sturmfest anzubinden, da kommt die alte Frau Pflug zielsicher in meine Richtung anspaziert.

„Guten Tag, Herr Scheffler. Na, wie kommen sie denn so zurecht?“

Ich bin etwas erstaunt und erwidere: „Na ja, die Blumen festzubinden, ist ja keine schwere Arbeit.

„Ich meine, weil sie ja jetzt Strohwitwer sind.“

„Ach so!“ Ich hätte mir denken können, dass Frau Pflug und die übrigen Altvorderen längst Bescheid wissen, dass Sabine sich im Krankenhaus das kaputte Knie operieren lässt. Man weiß fast nie, wie die Nachricht ins Rollen kam, aber was einmal heraus ist, macht ganz schnell die Runde.

„Wenn sie Hilfe brauchen, müssen sie nur Bescheid sagen.“

„Vielen Dank, Frau Pflug“, sage ich, „aber ich komme schon klar.“

„Ach.“ Die Alte guckt mich misstrauisch an. Was mag jetzt in ihrem Kopf vorgehen? – Die Frau vom Scheffler ist weg, aber das macht ihm nichts aus. Wäre das die Information, die sie weiterträgt?

„Natürlich ist es nicht schön, alleine zu sein, aber sie kommt in einer Woche wieder. Das halte ich wohl aus“, lege ich erklärend nach.

„Ja“, weiß Frau Pflug, „aber dann kommt ja noch die Reha. Da werden sie sich umgucken!“

„Ich kann sie ja besuchen“, versuche ich zu beschwichtigen. „In Lübben, das ist ja nur ein Katzensprung.“

„Ja, das schon.“ Offenbar hat sie noch einen dicken Trumpf im Ärmel. „Aber sie müssen vernünftig essen! Sie hatten doch auch diese Operation im letzten Jahr.“

„Ich kann Kochen“, sage ich bestimmt.

„Ja, das meinte mein Mann auch, als meine Hüfte dran war. Vor zwölf Jahren. Bratkartoffeln! Der hat sich jeden Abend Bratkartoffeln gemacht. Und sonst nur Butterbrote. Und manchmal einen Döner vom Imbiss bei Penny. Und jetzt ist er tot.“

„Ich kann auch andere Sachen als Bratkartoffeln kochen“, wende ich ein und merke im selben Moment, dass an diesem Satz irgendetwas nicht stimmt.

„Ich könnte Ihnen was bringen.“ Frau Pflug scheint entschlossen, und ich werde ignoriert.

„Nein, wirklich! Ich koche auch oft, wenn meine Frau zu Hause ist.“

Frau Pflug hat sich offenbar entschieden: „Das macht mir gar nichts aus. Für sich alleine Kochen ist ja auch nix.“Aus ihr spricht die durch nicht zu erschütternde Überzeugung, aus guten Gründen und darüberhinaus wohltätig zu handeln. Es fehlte nur noch, dass sie behauptete, nur mein Bestes zu wollen. – Eine in der Regel missbräuchlich getätigte Aussage. Wer solches deklamiert, hat stets in erster Linie sein eigenes Bestes im Sinn.

Das Unglück also naht mit immer festeren Schritten, und ich starte ein ziemlich durchsichtiges Manöver, indem ich auf meine Uhr sehe, auffällig erschrecke und vorgeblich zerstreut ausrufe: „Wo sie gerade vom Kochen reden; ob sie’s glauben oder nicht: Ich hab da was auf‘m Herd.“

„Jetzt um halb drei?“ Frau Pflug ist zu Recht misstrauisch.

„Ja“, sage ich, „ich hab keine festen Essenszeiten.“

Die Alte schüttelt verständnislos den Kopf und verkündet ihr ultimatives Urteil: „Herr Scheffler, es wird Zeit, dass ihre Frau wieder nach Hause kommt.“

„Da sagen sie was, Frau Pflug. Da sagen sie was.“ Ich verabschiede mich eilig, gehe ins Haus, verhalte mich still und beobachte heimlich, wie meine verhinderte Gouvernante in Richtung ihrer Heimstatt zurückmarschiert. In einer halben Stunde ist es drei. – Eigentlich genügend Zeit für eine Tütensuppe. Und dann – jahaa! – dann wird aber ordentlich Krach gemacht.

(Andreas Scheffler, Juli 2020)

Andreas Scheffler: Am Gartenzaun – Die Schrecken des Strohwitwers

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