Wie jeder Mensch, der einen Beruf gewählt hat, der sich zumindest teilweise in der Öffentlichkeit abspielt, kann auch der Lesebühnenautor eine individuell unterschiedlich stark ausgeprägte Eitelkeit nicht verleugnen. Der Wunsch nach Anerkennung, den er heute verspürt, mag in der Zeit des Heranwachsens begründet sein, als ihm womöglich weniger gerechtes Lob, als ignorante Geringschätzung entgegengebracht wurde. Scheut dieser Mensch zugleich das große Brimborium und übt sich in Bescheidenheit, so bemüht er sich, eitle Attitüden tief in seinem Inneren zu bewahren und friedlich mit ihnen zu leben.

Samstagnachmittag auf dem Dorf. Der Himmel ist wolkenverhangen, die Sonne schaut nur gelegentlich hervor, doch ein leichtes Lüftchen weht lau über den Schulzensee und durchzieht alles um mich herum mit der Heiterkeit des Frühlings. Ich schlendere ohne Anlass durch den Garten, darauf bedacht, jeden kleinen Funken eines Gedankens für eine Geschichte, sollte er sich denn zeigen, sofort festzuhalten und nicht mehr loszulassen. Gerade beobachte ich mit etwas Gruseln zwei dicke, blauschwarze Holzbienen, die den seit Jahren abgestorbenen Pflaumenbaum umkreisen, und hoffe, dass sie, angesichts meiner Phobie vor großen Insekten und Spinnentieren, hier nicht heimisch werden, da höre ich, wie eine männlIche Stimme in mittlerer Lautstärke vom Weg her meinen Namen ruft.

„Herr Scheffler, dürfen wir mal kurz stören?“

Kann es sein, dass ein Mitarbeiter des Ordnungsamtes mich am Wochenende aufsucht, um meinen nachwachsenden Flieder am Gartenzaun zu beanstanden? Und das in Zeiten marodierender Viren, wo er nun wirklich Wichtigeres zu tun hätte als nachdenkliche Dichter in ihrem Garten zu behelligen!

Jenseits der Grundstückseinfriedung stehen ein Mann und eine Frau in praktischer Kleidung mit je einem kleinen Rucksack über der Schulter. Irgendwo habe ich die zwei schon mal gesehen. Im Rathaus war es nicht, beim Einkaufen eher auch nicht. Vom Aussehen her müssten sie Touristen sein. Ich trete mit etwas Abstand an den Zaun und begrüße die beiden, die sich offenbar freuen, mich zu sehen.

„Hier wohnen sie also und schreiben ihre Geschichten“, sagt der Mann und mir dämmert, dass sie mich von der Bühne kennen.

„Na ja, genau genommen da oben; das Schreiben, meine ich. Wohnen hier überall“, sage ich und weise zuerst auf die Balkontür im Obergeschoss des Hauses und dann ins ganze Rund.

„Schön, dass wir sie angetroffen haben. Ich heiße übrigens Reinhard“, sagt der Herr.

„Und ich bin die Moni“, sagt die Frau. Damit sind wir also per Du.

„Wie habt ihr mich überhaupt gefunden“, frage ich.

„Ja“, sagt sie, „das war gar nicht so leicht. So klein ist Groß Köris nämlich gar nicht.

„Wie der Name schon sagt“, entgegne ich und nehme mir im selben Moment vor, solche Plattheiten ab sofort zu unterlassen.

„Wir haben einfach vor dem Penny Markt die Leute gefragt. Hat ne Weile gedauert, bis wir jemanden gefunden haben, der Dich kannte“, sagt Reinhard. „Im Wikipediaeintrag von Groß Köris bist du ja unter der Überschrift Persönlichkeiten aufgeführt. Da dachten wir, man würde dich hier kennen.“

„Hast du das eigentlich selbst da reingeschrieben?“, fragt Moni. Es klingt, als wolle sie mich necken.

„Nein“, wehre ich ab, „keine Ahnung, wer das war.“

Moni guckt mich an, als würde sie mir nicht glauben. Dabei weiß ich wirklich nicht, wer meinte, dem Ort mit meinem Namen Glanz verleihen zu können.

„Wir kommen gerade aus Münchehofe …“, fährt sie fort.

„… und da dachten wir, wir gucken mal vorbei“, beendet er den Satz. – Münchehofe ist gut zwanzig Kilometer entfernt. Auch wenn sie die Strecke zwischen Halbe und Groß Köris mit dem Zug gefahren sein sollten, nicht übel.

„Wir haben dir was mitgebracht“, übernimmt wieder Moni die Konversation.

„Wart ihr in der Gläsernen Molkerei?“, frage ich.

„Ja, waren wir. Und im Hofladen.“ Sie kramt in Ihrem Rucksack und holt eine große Schachtel mit Pfannkuchen hervor, die sie mir überreicht.

Ich bedanke mich artig und habe auf einmal eine Idee: „Wollt ihr nicht auf ein Glas auf die Terrasse kommen? Ist doch jetzt erlaubt, wenn wir Abstand halten. Reinhard ist sofort dabei, Moni wendet ein, dass sie auch noch zurück nach Berlin müssten, gibt aber nach.

Gerade haben wir Platz genommen und ich uns dreien je ein Bier geöffnet, da biegt Herbert um die Ecke. Er hat offensichtlich schon getankt, lässt sich in zwei Metern Entfernung auf einen Stuhl plumpsen, holt eine große, fast volle Flasche Vodka aus seiner Jackentasche und sagt: „Hallo, ich bin Herbert.“

Reinhard und Moni fallen die Unterkiefer herunter. „Sie gibt es wirklich?“, fragen die beiden unisono. Herbert sagt: „Na klar. Und wer seid ihr?“ Anschließend ordert er drei Schnapsgläser und schenkt sich und dem Pärchen ein. „Mein Kumpel trinkt keine harten Sachen mehr. Seit Jahren“, entschuldigt er mich.

Anfangs zieren sich Reinhard und Moni noch, doch mit jedem weiteren Pinnchen wird ihre Abwehr schwächer. Die zwei befragen Herbert nach seinem Schwarm Cordula aus  Fürstenwalde und ihrer Schwester Carola aus Bestensee, und anfangs ist Herbert noch sauer, dass ich so offenherzig über sein Seelenleben erzählt habe. Doch schnell genießt er den Reiz, vor aufmerksamen Menschen im Mittelpunkt zu stehen. Mein Besuch hängt an seinen Lippen, während er meine wahren Geschichten immer abenteuerlicher ausschmückt und die buntesten Girlanden um die ohnehin schon turbulenten Kapriolen windet. Herbert erzählt aus seinem Leben, und – wie schon mein Kollege Spider Krenzke sagte – wenn du „ich“ sagst, glaubt dir das Publikum alles. Der Vodka geht bald zur Neige, meine Frau Sabine bringt ein paar Flaschen Sekt, setzt sich dazu, und wir essen zusammen die Pfannkuchen auf.

Es beginnt schon zu dämmern, als ich Moni und Reinhard mit dem Auto zum Bahnhof fahre. „Das glaubt uns keiner“, sagen die beiden zum Abschied, und ich denke: Das kann sein. Aber wenn ich es aufschreibe …

Post scriptum: Diese Geschichte ist vorn vorne bis hinten erfunden. Reinhard und Moni allerdings grüße ich an dieser Stelle sehr herzlich.

(Andreas Scheffler, Mai 2020)

Andreas Scheffler – Am Gartenzaun: Fanbesuch

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2 Gedanken zu „Andreas Scheffler – Am Gartenzaun: Fanbesuch

  1. Hallo Andreas,
    hab’s geahnt, dass ne „wahre“ Geschichte draus wird, geahnt und gehofft.

    Bleibt alle gesund!

    Lieben Dank dafür von
    Reinhard + Moni

  2. Liebe Freunde der Feder,
    der Tag ist gerettet – Moni und Reinhard sitzen auf der Couch und haben gerade wundervolle Momente genossen und von Herzen gelacht ?
    Wir freuen uns, geht es bald wieder weiter ?

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