„Hamstert er eigentlich auch?“, ruft die alte Frau Scheuermann über den Gartenzaun, vor dem sie in ziemlich genau anderthalb Metern Abstand stehengeblieben ist und nun, auf ihren Rollator gestützt, erwartungsvoll in meine Richtung schaut. Frau Scheuermann, eine entfernte Nachbarin, die inzwischen stramm auf die Neunzig zugeht, ist nach zwölf Jahren, die wir jetzt in derselben Straße wohnen, noch immer uneins mit sich, ob sie mich duzen oder siezen soll. Mir als dem wesentlich Jüngeren steht diese Entscheidung nicht zu, und so kann ich gelegentlich diese altertümliche Anrede genießen.

Ich nähere mich dem Gartenzaun von meiner Seite ebenfalls bis auf ein Meter fünfzig und werde erst später bemerken, dass wir uns beide dem Lattenkonstrukt mit einem Sicherheitsabstand genähert haben, wie er selbst in Zeiten eines marodierenden Krankheitserregers eigentlich nur Personen gegenüber geboten ist.

„Guten Tag, Frau Scheuermann“, sage ich, „nein, ich hamstere nicht. Und Sie?“

„Ich?“, empört sich die alte Frau, „wie soll ich das denn machen mit meinem Rollator?“

Ich beschwichtige: „Es herrscht ja auch kein Mangel. Wenn es mal was nicht gibt, dann gibt es das eben zwei Tage später.“

Frau Scheuermann stimmt zu und setzt eine verschmitzte Miene auf. „Was meint er: Wenn diese ganze Krise mal vorbei ist, was ist dann in den Läden los?“

„Ich nehme an, dass dann wieder ganz normal eingekauft wird.“

Die Alte sagt erstmal gar nichts, aber ihr Gesicht nimmt einen Ausdruck triumphaler Erregung an, dann platzt die Pointe aus ihr heraus: „Nichts! Es wird nichts los sein! Wochenlang!“

„Weil?“

„Weil alle erstmal ihre Vorräte aufbrauchen! Was sie gehamstert haben!“

„Da könnte was dran sein“, sage ich. „Die Leute wollen zu Hause ja wieder Platz haben.“

„Genau“, grinst Frau Scheuermann. „Aber die ganzen Läden – Aldi, Penny, Edeka und alles – die denken gar nicht soweit. Die werden regelmäßig beliefert, und dann reichen ihre Lager nicht aus, und sie wissen nicht, wohin damit. Und dann …“

„ … und dann verkaufen sie das alles reduziert, um wieder Platz zu haben.“

„Genau! Und die Schnäppchen lassen sich die Leute nicht entgehen.“

„Und – zack! – sind die Keller und Flure wieder voll.“

„Und alles geht von vorne los.

„Tcha, Frau Scheuermann, das könnte passieren“, sage ich. „Aber sie machen da nicht mit.“

Die Alte grinst wieder und zeigt auf den prall gefüllten Leinenbeutel, der in dem Körbchen ruht, das vorne an ihrem Gehwagen angebracht ist. Ich bemerke, dass mein Sicherheitsabstand unnötig groß ist und trete an den Zaun. Sie klappt die Tasche auf, und ich sehe dass sie von oben bis unten mit Dreierpäckchen kleiner Kuemmerlingfläschchen gefüllt ist.

„Ein bisschen hamstere ich doch“, flüstert sie. „Und das sage ich nur ihm: Wenn die runtergesetzt werden, dann bin ich aber dabei.“

„Alle Achtung!“, sage ich, wir verabschieden uns mit einem fröhlichen Händewinken, und ich denke mir: „Mensch, die Frau Scheuermann! Die macht sich wirklich noch’n Kopp.“

(Andreas Scheffler, 24.03.2020)

Andreas Scheffler: Am Gartenzaun – Frau Scheuermann hat eine Theorie

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