„Jetzt mal was ganz Anderes“, sagt Frau Scheuermann plötzlich, und man könnte den Eindruck gewinnen, als hätten wir ein Thema abgehakt und wechselten nun zu einem weiteren über. Dabei haben wir bis jetzt lediglich die Wetterlage erörtert und uns gegenseitig versichert, dass es uns zufriedenstellend geht.

„Jetzt mal was ganz Anderes“, sagt Frau Scheuermann, kommt mit ihrem Rollator etwas näher an den Gartenzaun und beugt sich mir entgegen, als müsse das nun Folgende unbedingt unter uns bleiben. „Meine Freundin hat mir erzählt, dass er in den letzten Jahren beim Teupitzer Seniorenclub eigene Geschichten vorgelesen hat.“

„Ja“, sage ich, „bei der Jahreshauptversammlung. Das habe ich drei oder viermal gemacht. Dieses Jahr ging es ja nicht. Hat es ihrer Freundin denn gefallen?“

„Es soll mitunter sehr amüsant gewesen sein.“ – Eine recht vage Aussage. Doch an die unentschiedenen Formulierungen der alten Frau habe ich mich in den letzten Jahren gewöhnt, ebenso wie an die altertümliche Art mich anzureden.

„Mal unter uns: Hat er dafür Geld bekommen?“

„Ja, natürlich“, sage ich. „Das waren Veranstaltungen zusammen mit dem Bürgerverein, und die haben sich das Honorar geteilt. Ein ziemlich bescheidenes Honorar übrigens.“

„Darf man fragen, was er bekommen hat?“

– Eine blöde Frage. Wenn ich keinen eindeutigen Auftrag habe, rede ich nicht gern über Geld. Ich sage: „Mein Honorar bei Lesungen richtet sich meistens danach, wie viel Geld der Veranstalter hat. Reiche zahlen mehr als Arme.“

„Wie bei den Steuern“, merkt Frau Scheuermann an, und ich kann an ihrem Gesichtsausdruck nicht erkennen, ob sie das nun gerecht findet oder nicht. Sie wohnt am anderen Ende der Straße, und ich habe nicht die geringste Ahnung von ihren finanziellen Verhältnissen, auch über ihre politische Einstellung bin ich mir im Unklaren.

„Ja“, sage ich, „wie bei den Steuern. Es halten sowieso alle für zu viel, aber den Reichen macht das weniger aus. Die meisten meinen sogar, wenn es teurer ist, dann ist es auch besser.“

„Und was hat er nun bekommen?“

„Sag ich nicht.“ Vor mir steht die alte Scheuermann, die stramm auf die Neunzig zugeht, und ich komme mir beinahe wie ein kleiner Junge in der Trotzphase vor.

„Wie er meint“, sagt sie. „Ich sag ihm nur eins: Die im Seniorenverein, die sind alle nicht arm. Die haben alle ihre Schäfchen im Trockenen. Da kann er schon ordentlich hinlangen.“ Einen Moment später beginnt sie in ihrer Handtasche zu kramen, findet ihr Portemonnaie, fischt eine Münze heraus und reicht sie mir über den Zaun. Ich bin zu überrascht, um abzuwinken. „Für ein Eis“, sagt sie und wendet sich schon zum Gehen, das fällt ihr noch etwas ein. „Oder ein Bier“, schiebt sie nach.

Und ich sehe in meine Handfläche und sehe eine Zwei-Euro-Münze. Das waren früher vier Mark. Dafür hätte ich ein großes Bier bekommen. Oder ein noch größeres Eis.

„Danke schön“, rufe ich ihr nach, und sie hebt noch einmal, ohne sich umzudrehen, den Arm zum Gruß.

(Andreas Scheffler, Juli 2020)

Andreas Scheffler: Am Gartenzaun – Frau Scheuermann und die Honorarfrage

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Ein Gedanke zu „Andreas Scheffler: Am Gartenzaun – Frau Scheuermann und die Honorarfrage

  1. Genau, für 2 € = 4 DM gab es früher ein großes Bier – im Spreewald gibt’s für 4,80 € ein 0,4l Meißner Schwerte Bier, nee nicht aus edlen Porzellanwaren – aus nen Bierhumpen… Schönes Wochenende und hoffentlich wieder auf bald persönlich 👍
    Wir sind wieder an Groß Köris vorbei gekommen 😂 Irgendwann stehen wir mal mit einem Bier am Zaun 👍🤭

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