„Hast du eigentlich mal an den Osterhasen geglaubt?“, fragt Herbert und nimmt sich noch ein zweites Stück von dem Kirschkuchen, der von den Feiertagen übrig geblieben ist.

„Nee“, sage ich, „nicht, dass ich mich erinnern könnte. Aber an den Nikolaus habe ich eine Zeit lang geglaubt.“

„Und wie bist du drauf gekommen, dass es den nicht gibt?“

„Komischerweise haben mir die Maske und der falsche Bart überhaupt nichts ausgemacht. Heute würde ich sagen: Das sieht doch jeder, das das nicht echt ist. Aber so funktioniert eben Puppentheater. Aber mir ist dann aufgefallen, dass der Nikolaus spricht wie meine Oma. Und mein Bruder hat mich dann noch darauf aufmerksam gemacht, dass er die gleichen faltigen Hände hatte wie sie. Irgendwann haben meine Eltern dann mal die Maske rumliegen lassen, und das habe ich gesehen. War aber nicht schlimm, weil ich es ja schon geahnt hatte.“

„Und wie alt warst du da?“ Herbert will es genau wissen.

„Puh“, sage ich, „irgendwann, kurz bevor ich in die Schule kam, denke ich mal.“

„Ich frag nur“, sagt Herbert mit halb vollem Mund, „weil ich Ostermontag bei Kevin und Nicole zum Essen eingeladen war. Kevin ist bei mir im Anglerverein; kennst du nicht; ist einer von den jüngeren.“

„Und die haben kleine Kinder?“

„Jau, Karoline und Oskar, sechs und acht. Und die Eltern meinten wohl, es wäre jetzt Zeit, den Kleinen die Wahrheit über den Osterhasen beizubringen.“

„Das finde ich blöd“, sage ich und nehme mir auch noch ein Stück Kuchen. „Da kommen die doch irgendwann von selber drauf.“

„Das habe ich auch gesagt. Aber Nicole meinte hinterher, sie müssten die Wahrheit von den Eltern erfahren, weil sie ihnen sonst irgendwann vorwerfen würden, sie hätten sie ein Leben lang belogen. Sie hätten das im Fernsehen gesehen, wo eine Tochter erst mit sechzehn erfahren habe, dass sie adoptiert gewesen ist. Und die wäre total ausgeflippt und hätte seitdem ihre Pflegeeltern gehasst.“

„Genau“, sage ich, „im Fernsehn wird immer ganz schnell herumgehasst.“

„Man muss wissen“, fährt Herbert fort, „dass Kevin und Nicole nicht gerade die hellsten Kerzen im Leuchter sind. Und statt einfach zu sagen, hört mal, Kinder, der Osterhase ist nur eine nette Erfindung, wollten sie ganz schlau sein.“

„Das geht meistens schief“, werfe ich ein.

„Und wie!“, ruft mein Kumpel, nimmt einen Schluck Kaffee und verschluckt sich erstmal. „Als Nicole mit dem Essen aus der Küche kam, dachte ich, ich sehe nicht richtig“, sagt Herbert hustend.

„Nee, ne?“ Ich ahne Böses.

„Doch!“ Mein Freund ist außer sich. „Da kommt die mit einer Platte ins Esszimmer, und auf der Platte liegt ein Hasenbraten! Noch nicht mal zerteilt, sondern ein ganzer Hase mit Kopf und allem. Natürlich ohne Fell und Ohren, aber eindeutig zu erkennen. Und drumherum gedünstete Möhrchen. Die Kinder haben die Motten gekriegt. Besonders die Kleine.“

„Oh Mann“, sage ich, „mehr Holzhammer geht nicht.“

„Oskar hat einfach nur erstarrt dagesessen. Aber die kleine Karo hat geschrien wie am Spieß, sie hätten den Osterhasen umgebracht und sie würde sie alle hassen.“

„Und die Eltern?“

„Nicole hat gesagt, das wäre nicht der Osterhase, weil es den gar nicht gäbe. Denn wenn es ihn gäbe, würden sie ihn ja nicht aufessen. Aber das war natürlich für’n Arsch. Oskar hat nur gesagt, sie würden spinnen, und Karo hat nicht aufgehört zu schreien und ist dann in ihr Zimmer gerannt. Nicole hinterher, und Kevin hat Oskar angebrüllt, wie er denn mir seinen Eltern reden würde.“

„Und du hast blöd danebengesessen …“

„Genau. Mir ist dann auch der Appetit vergangen, obwohl es lecker gerochen hat. Ich hab dann zehn Minuten gewartet. Und als es sich dann noch nicht beruhigt hatte, hab ich gesagt, sie sollten das erstmal untereinander klären und bin dann gegangen. Kevin hat sich x-mal entschuldigt. Aber das hätte er sich schenken können.“

Eine Weile schweigen wir und essen unseren Kuchen auf. Bevor Herbert danach fragen kann, hole ich ihm ein Pils aus dem Kühlschrank und nehme mir selbst ein Malzbier.

„In Westfalen gab es ganz früher mal den Osterfuchs, der die Eier gebracht hat“, sage ich. „Schade, dass sich der nicht durchgesetzt hat.“

„Wieso?“, will mein Freund wissen.

„Na ja, erstens ist so ein Fuchs nicht nur niedlich, sondern auch schlau. Und zweitens ist es nicht angesagt, Füchse zu essen.“

„Tcha“, sagt Herbert, „ es ist eben alles nicht so richtig durchdacht.“

Und das ist eine Weisheit, die immer mal wieder und in allen Lebenslagen ihre Anwendung finden kann.

 

(C) Andreas Scheffler, März 2021

Andreas Scheffler: Das Ende des Osterhasen

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Close It