Am 23. April, so las ich dieser Tage in der Zeitung, wird seit Jahren der „Internationale Tag des Nasenbohrens“ begangen. Ob an diesem Datum tatsächlich jemand zu Ehren des Popelns feiert, gedenkt oder zumindest eine Kerze anzündet, ist nicht bekannt; auch nicht, wer sich diesen Unfug ausgedacht hat. – Möglicherweise ein Feuilletonist, der sich auf verzweifelter Suche nach Themen für dies eher derbe Sujet entschieden hat, obwohl am 23. April ebenfalls der „Sprich-wie-Shakespeare-Tag“, der „Tag des Cherry-Cheesecakes“ und der „Tag des Deutschen Bieres“ begangen werden.

An allen Tagen des Jahres gibt es, wenn man möchte, etwas zu feiern, zu begehen oder zu gedenken. Dabei haben wir oft sogar die Wahl zwischen hanebüchenen Anlässen, wie dem „Tag der Haferflocke“ oder durchaus sinnvollen wie dem „Poem in your Pocket Day“ –  beide am 30.4. Tatsächlich nachdenklich macht mich der „Erinnere-Dich-an-Deinen-ersten-Kuss-Tag“ am 26. April. Welcher Kuss damit gemeint sein soll, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Unschöne Gefühle erwecken die Erinnerungen an die Küsschen, die man als Kind der faltigen Großtante zu Begrüßung geben musste oder von anderen weiblichen Verwandten bekam, während man an voluminöse Oberweiten gepresst wurde.

Mein erster bedeutsamer Kuss war tatsächlich nur ein Küsschen, aber so prägend, dass ich später, obwohl ich ein großer Freund der Gesangsgruppe „Die Prinzen“ war, ihren Song „Küssen verboten“ von Anfang an blöd fand.

Es war im ersten Schuljahr, als ich mich unsterblich in meine Klassenkameradin Steffanie verliebte. Steffanie hatte lange, braune Haare und große, dunkle Augen – sie war eine Schönheit wie Schneewittchen im Märchen. Wochenlang versuchte ich, ihr nahe zu sein und ihr durch Blicke meine Liebe zu signalisieren. Doch sie ließ keine Zeichen von Zustimmung oder gar Entgegenkommen erkennen. Und so entschloss ich mich, nachdem ich in vielen Tagen meine Schüchternheit niedergekämpft hatte, zum äußersten Mittel zu greifen, das mir damals zur Verfügung stand. Es war im Herbst 1972, als ich auf dem Pausenhof der Paul-Gerhardt-Schule zu Gütersloh an meine Mitschülerin Steffanie herantrat, vorgab, ihr etwas ins Ohr sagen zu müssen und sie dann mit Entschlossenheit sanft auf die Wange küsste. Ich dachte damals nicht an mögliche Folgen, und ich weiß heute nicht, ob ich überhaupt etwas dachte, ich wusste nur, dass ich es unbedingt tun musste, sonst würde ich platzen.

Ich küsste sie an diesem kühlen Morgen, und die Reaktion kam prompt und unerwartet: Nicht etwa ein Ausruf des Ekels, kein Entsetzen oder Widerwille! Stattdessen rief Steffanie voll Glück und freudig lachend: „Er hat mich geküsst! Er hat mich geküsst!“ Sie rief es in die Welt hinaus, und umarmte gleichzeitig ihre Freundinnen, die staunend um sie herum standen. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätte mich umarmt. Aber auch so war es gut. Ich hatte es geschafft. Ich hatte alles riskiert und gewonnen.

Steffanie und ich verlebten einige schöne, selbstverständlich keusche, Pausen und unsere siebten Geburtstage miteinander. Nach den Sommerferien waren sie und ihre Familie umgezogen. Ich erfuhr nie, wohin und merkte mit der Zeit, dass „unsterblich“ in Bezug auf die Liebe oft ein viel zu großes Wort ist. Im dritten Schuljahr lernte ich meine zweite große Liebe Nicole kennen. Da wurde dann schon richtig geknutscht. Doch auch die wundesten Lippen konnten nie etwas daran ändern, dass jenes erste zarte Küsschen, das ich Steffanie geben durfte, mir auf ewig als bedeutend und des Feierns würdig in Erinnerung bleiben wird.

 

Epilog: Am 28. April wird der „Tag der Superhelden“ begangen. Dann werde ich es mir bei einem kühlen Getränk und Käsecrackern mit Spider Man, Hulk und den Guardians oft the Galaxy so richtig gemütlich machen.

 

(Andreas Scheffler, April 2020)

 

Andreas Scheffler: Der erste Kuss

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