Am Rand meines Gartens wächst auf einer Fläche von ungefähr zwei mal drei Metern Mohn – eine pflegeleichte Zierpflanze mit leuchtend roten Blütenblättern, die von Mai bis Juli ihre pittoreske Pracht entfaltet. Mein Mohn kann nicht ernsthaft verwechselt werden mit dem meist im Orient angebauten Schlafmohn, der für die Herstellung halluzinogener Drogen verwendet wird. Trotzdem ist er für eine Vielzahl von Menschen, die daherspazieren oder vorüberradeln ein überaus beliebter Anlass für scherzhafte Be- und Anmerkungen. Alle diese Äußerungen sind als Bonmot geplant, lassen aber außer Acht, dass Bonmots geistreich und witzig zu sein haben.

Aber vielleicht bin ich auch zu streng. Woher sollen die Radler und Fußgängerinnen wissen, dass ihre launige Bemerkung „Dann kann die Drogenproduktion ja losgehen!“ jetzt, mitten im Juni, nicht die erste dieser Art war? Wie können sie ahnen, dass ihr scherzhafter Ausruf etwa die zehnte oder fünfzehnte Variante war und ich inzwischen nicht mehr in der Lage bin, mit einem heiteren Lachen zu reagieren?

„Lassen sie das mal nicht die Polizei sehen“, sagt ein dicker Mann mit Hund. Und ich antworte automatisch: „Kein Problem. Die ist beteiligt.“ Das war mir nach dem zweiten Mal spontan eingefallen. „Die ist beteiligt.“ – Ha, ha! Lustig.

„Der war gut!“, sagt der dicke Mann und lacht sich kaputt. – Wenn er wüsste, wie ich das hasse: Lustige Bemerkungen zu kommentieren. „Der war gut“ oder „Der war nicht schlecht“ – da könnte ich jedes Mal zuschlagen. Lustige Bemerkungen kann man mit einem Lachen quittieren oder nicht, aber man hat sie nicht zu bewerten! Wollte man jeden Wortbeitrag qualitativ beurteilen, käme überhaupt kein vernünftiges Gespräch mehr zustande.

Glücklicherweise versucht der Hundebesitzer nicht, eine Unterhaltung anzufangen und geht weiter. Ich sehe ihm nach und erspähe in der Ferne meinen Kumpel Herbert, der langsam in meine Richtung näherkommt. – Er wird doch nicht … Eigentlich müsste er sich denken können, was ich seit Wochen ständig zu hören kriege. Er biegt um die Ecke, sieht sicherlich die Blüten; na klar sieht er sie, er passiert das Gartentor, grinst, hält sich den Mund zu, deutet auf den Mohn, winkt ab, als wolle er sich gegen den komischen Impuls wehren, nimmt die Hand vom Mund, grinst noch mehr und sagt lachend:: „Ich sag nix, ich sag überhaupt nix!“

„Danke, Herbert“, sage ich. „Magst Du ’n Bier?“

(C) Andreas Scheffler, Juni 2021

 

 

 

 

 

 

 

Andreas Scheffler: Der Fluch des Mohns

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