Wenn man ein Feuerchen im Garten macht, sollte man Rücksicht auf die Nachbarn nehmen. Qualm ist niemals ganz ausgeschlossen, und damit dieser nicht auf die Grundstücke der Anwohner weht, ist ein Püffken (ostwestfälisch für „kleines Feuer“) nur bei Ostwind problemlos. Aus meteorologischen Gründen bläst der Wind in unserer Gegend aber so gut wie nie aus dem Osten. Und deshalb ist das Verbrennen von Laub und Holz nur sehr selten möglich, wenn man es sich mit den Nachbarn nicht verscherzen möchte.

Aus diesem Grund habe ich mir jetzt einen Häcksler zugelegt – einen kleinen, feinen, strombetriebenen Holzzerkleinerer aus dem Baumarkt. Der macht zwar Krach, aber da hält das Dorf mit seinen Rasenmähern und –trimmern, seinen Kettensägen und Bootsmotoren locker gegen.

Kaum habe ich das neue Gerät ausgepackt, zusammengebaut und seit einer knappen halben Stunde in Betrieb, da steht Jochen neugierig am Gartentor. Ich wollte sowieso gerade eine Pause machen, schalte also den Motor aus und gehe zu ihm.

„Hallo, Andreas“, sagt Jochen, „du hast Dir einen Häcksler zugelegt?“

„Jau“, sage ich, „einen kleinen. Aber er macht, was er soll.“

„So hätte ich es damals wohl besser auch gemacht“, seufzt Jochen, guckt sich das Gerät von allen Seiten an und nickt anerkennend.

Ich bitte ihn auf unsere Terrasse, hole uns beiden ein Bier, und dabei resümiere ich für mich kurz die Häckslergeschichte von vor fünf Jahren:

Damals hatten Jochen und seine Frau Anke einigen Nachbarn, darunter auch mir, vorgeschlagen, sich gemeinschaftlich einen Gartenhäcksler anzuschaffen. Sie hatten da ein recht großes Exemplar im Sinn; mit einem benzingetriebenen 7 PS, 4 Takt Motor; sollte um die 900 Euro kosten. Ich war zuerst nicht abgeneigt, aber schon bei der Finanzierung gab es Unstimmigkeiten. Mein Vorschlag war, die Summe ganz einfach durch die Anzahl der beteiligten Parteien zu teilen. Anke meinte, die Größe der Grundstücke müsste berücksichtigt werden (ihres war das kleinste), ein anderer war der Ansicht, allein der Umfang des Baum- und Strauchbestandes zähle, ein dritter hatte die abwegige Theorie, die Anzahl der Mitglieder im Haushalt solle ausschlaggebend sein. Irgendjemand forderte noch, es müsse eine Liste geführt werden, in der die Betriebsstunden einzutragen seien, die jeder die Maschine benutze. – Ich bin ziemlich schnell aus dem Projekt ausgestiegen, bevor die Verhandlungen zu absurd wurden.

„Wie habt ihr euch eigentlich damals geeinigt?“, frage ich Jochen.

„Na ja, nach einigen Hin und Her haben wir es dann nach der Grundstücksgröße gemacht.“

Das war klar, dass Anke sich wieder durchsetzt, denke ich.

„Aber wir waren dann nur noch zu dritt“, ergänzt Jochen, „Bodo, Kai und Anke und ich. Unsere Flurstücke sind ja auch alle fast gleich groß.“

„Dann ist ja alles gut“, sage ich. „Aber ich hab euern Häcksler schon eine ganze Weile nicht mehr gehört.“

„Weil er kaputt ist“, sagt Jochen traurig und nimmt erstmal einen großen Schluck Bier. „Natürlich kurz nachdem die Garantie abgelaufen war.“

„Und die Reparatur ist zu teuer?“

„Geht so.“ Jochen winkt ab. „Das Problem ist, dass der bei Kai kaputt gegangen ist. Irgendwas mit dem Laufwerk und den Messern. Ich hab da ja keine Ahnung von. Jedenfalls will Kai das nicht bezahlen, weil das Gerät ja uns allen zusammen gehört und das bei jedem hätte passieren können. Er meint, wir müssten uns die Reparatur teilen. Da ist Anke aber strikt dagegen.“

„Und Bodo?“

„Du kennst doch Bodo. Der sagt, wir sollten das unter uns ausmachen. – Also, wenn es nach mir ginge … Aber geht es ja nicht.“

Ich verkneife mir jede Bemerkung und hole Jochen einen Whisky.  Er nimmt dankbar einen Schluck und fährt fort zu seufzen: „Jetzt steht das Ding nutzlos bei Kai herum, und bei mir häufen sich die abgeschnittenen Sträucher. Für ein Feuer haben wir ja so gut wie nie passenden Wind.“

„Jau“, sage ich. „Das ist Mist.“

Jochen trinkt sein Glas aus. „Sag mal, ob du mir mal deinen Häcksler leihen könntest?“

„Klar“, sage ich. „Wenn ich hier fertig bin, kannst du ihn dir gern holen.“

„Echt? Wir können auch einen Leihvertrag machen …“

„Quatsch“, unterbreche ich ihn. „Wenn er kaputt gehen sollte, bringst du das wieder in Ordnung. Ist doch eine klare Sache.“

„Ja, klar“, sagt Jochen.

„So einfach ist das“, sage ich.

Wenig später macht Jochen sich gut gelaunt auf den kurzen Heimweg. Sieht leichtfüßig aus, denke ich.

(C) Andreas Scheffler, Mai 2021

 

Andreas Scheffler: Der Häcksler

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