An unserem Anwesen vorbei führt ein nur notdürftig befestigter Weg an allerlei Privatgrundstücken entlang bis zu einem kleinen öffentlichen Zugang zum Schulzensee und dem direkt daran gelegenen Wochenendhaus des bekannten Gerichtsmediziners und Krimiautoren Tsokos.

Es mag sein, dass der eine und andere Tourist seinen Weg dorthin lenkt, um eine Momentaufnahme aus der Welt der Prominenz mit sich zu nehmen und insgeheim hofft, den aus dem gewöhnlichen Sein herausragenden Star sogar leibhaftig zu sehen und womöglich ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Meistens aber wird der Weg von Rentnerinnen genutzt, die aus Vernunftsgründen ein tägliches Pensum an Schritten bewältigen. Oder von Kleinfamilien aus der Großstadt, die irrtümlich glauben, jeder See müsse doch irgendwo über eine Uferpromenade verfügen. Diese kommen nach kurzer Zeit enttäuscht aus der Sackgasse zurück, und wenn sie meiner habhaft werden können, weil ich gerade im Freien arbeite oder mich ausruhe, machen sie mich als Anrainer für diesen Mangel verantwortlich.

Im Moment aber ruht der Tourismus, und die Rentnerinnen gehen lieber in ihren vier Wänden auf und ab, als sich der Gefahr auszusetzen, dass ihr anfälliger Organismus in der Öffentlichkeit  einen Coronavirus abbekommt.

Stattdessen sieht man vermehrt Männer jeden Alters, oft mit Hund oder Kinderwagen den Weg entlang stapfen. Meist mit mürrisch angespannten Wangenmuskeln und kraus gezogener Stirn zwingen sie nicht nur die Strecke nieder, die wie ein Feind hinter ihren kräftigen Schritten zurückbleibt. Ihre Füße sind ihre Fäuste, der Weg ihr Sandsack. Gleichzeitig arbeitet es auch in ihren Köpfen. Kann die Aggression durch stumpfes Marschieren abgebaut werden, sich auflösen, einfach verdampfen? Er, der gerade rausgeschickt wurde aus der gemeinsamen Wohnung, dem gemeinsamen Haus; von der Frau, der Freundin, der Mutter; er hat nachgegeben und ist gegangen. Mit den Worten „Ich dreh gleich durch. Ich muss jetzt mal alleine sein. Geh ein paar Mal um den Block“ ist er vor die Tür geschickt worden, als ob es hier auf dem Dorf einen Block gäbe. Er grübelt nach über die Ungerechtigkeit der Welt; der eine in mehr, der andere in weniger komplexen Gedankenschleifen. Schließlich kommt er zu der Frage, ob es wirklich lohnt, zu Hause ein Fass aufzumachen; ob sein Ärger wirklich so groß ist, dass dieser zwingend eine Revanche verlangt, die wiederum eine Revanche provozieren würde. Während er so geht und überlegt, kommt er zur Ruhe. Fast alle kommen langsam zur Ruhe. Nur einer nicht. Einer ist immer dabei, der hat einfach Lust, ein Fass aufzumachen. Die anderen aber haben ihre ganzen Aggressionen, ihre ganze negative Energie in den Weg abgeleitet; den guten, alten, armen gestampften Kiesweg. In einem Comic wäre er kurz vorm Explodieren.

(Andreas Scheffler, März 2020)

Andreas Scheffler: Der Weg ist das Ziel

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