Samstagmittag, der Himmel ist bedeckt, die Luft liegt drückend und heiß über der Gemeinde, und Wetteronline stellt für Groß Köris und Umgebung eine Unwetterwarnung ins Netz. Es herrscht Ruhe im Dorf. Noch …

12.32 Uhr.  Familie Peters – Vater Klaus, Mutter Katrin und der pubertierende Patrick –  sitzt beim Mittagessen: Kartoffelsalat und Würstchen, dazu ein Becher Schokopudding von Aldi. Es wird nicht gesprochen. Patrick, der auf Wunsch der Mutter nach Patrick Jane, der Hauptfigur aus der Fernsehserie „The Mentalist“ benannt wurde, ihm aber kein bisschen ähnlich sieht und auch sonst keinerlei Vorzüge seines Namenspatrons, was Intelligenz, Charme und Witz angeht, besitzt, tauscht mit dem Handy What’sApp-Nachrichten aus und ist schon in Gedanken bei seinem neuen Computer-Ballerspiel. Nach einer Weile schiebt der Junge seinen Becher halbgegessen zur Seite, steht auf und geht wortlos in sein Zimmer. Für einen kurzen Moment fragt sich Katrin, wie lange sie dieses Verhalten schon kommentarlos hinnehmen. Klaus denkt schon seit längerem an nichts anderes.

12.35 Uhr. Nikos Eltern haben sich übers Wochenende eine Ferienwohnung in der Sächsischen Schweiz gemietet. Weil er schon 16 ist, durfte Niko allein zu Hause bleiben. Dass er sich gleich zum Freitagabend Freunde zum Saufen eingeladen hatte, durften Vater und Mutter freilich nicht wissen. Gerade ist er auf der Couch im Wohnzimmer aufgewacht und überblickt das Chaos: Überall leere, teils zerbrochene Gläser, Spuren von Erbrochenem und eine zertretene Pizza auf dem Teppichboden, hier und da Zigarettenkippen und einzelne Brandflecken auf dem Holztisch. Die Hausbar mit den erlesenen Whiskys und Likören ist beinahe restlos geplündert. – Keine Chance, das bis zum Sonntagabend wieder in Ordnung zu bringen. Beginnend im Zwerchfell, steigt in Nikos gesamten Körper bis zum Kopf eine gewaltige Panik herauf.

12.43 Uhr. Ecki ist mit sich im Reinen. Er hat ganz genau für 35 Komma Null Null Euro getankt. Gerade hat er die Zapfpistole wieder in der Tanksäule eingehängt, nochmal einen stolzen Blick auf die Anzeige geworfen und einen ersten Schritt Richtung Kasse getan, da wird ihm bewusst, dass er in den Toyota Diesel, den er sich von seinem Kumpel Tünnes geliehen hatte, Super Benzin gefüllt hat. Augenblicklich wird ihm schwindelig, und seine Beine scheinen sich in Gummi zu verwandeln.

12.48 Uhr. Tünnes hat lange überlegt, wie er den verdammten Maulwurf auf seinem Grundstück loswerden kann. Er hat es mit Fallen probiert, mit Krach, und er hat stundenlang vor dem Erdhügel zugebracht und mit dem Spaten in der Hand auf das Vieh gewartet. Alles erfolglos. Vor ein paar Tagen hat er sich einen Kanister mit zehn Litern Sprit gekauft – und nicht den billigen Diesel, nee nee, sondern das gute Super! Den hat er gerade in das Maulwurfsloch gekippt. Das Gras in der Umgebung ist knochentrocken, ebenso wie die Büsche in der Nähe, aber bald wird es regnen. Da macht sich der Tünnes gar keine Sorgen. Beherzt nimmt er die Streichholzschachtel und bereitet sich auf eine schnelle Flucht vor.

12.50 Uhr. Sven, der erst vor kurzem von seinem Kinderzimmer in die  Einliegerwohnung seiner Eltern gezogen ist, hat zum ersten Mal seine neue Freundin Britta bei sich zu Gast. Während sie noch bei einem Bier über Banalitäten plaudern, spielt er schon in Gedanken den geplanten Sex mit ihr durch. Dass seine Eltern einen Schlüssel zu seiner Wohnung besitzen und es seiner Mutter durchaus zuzutrauen ist, jederzeit ungebeten in der Tür zu stehen, steigert seine Erregung ins Uferlose. Dieser sonderbare Umstand gerät ihm für einen Augenblick ins Bewusstsein, ist aber kurz darauf schon wieder verschwunden.

12.51 Uhr. Katrin Peters hat gerade die Geschirrspülmaschine eingeschaltet, da hört sie einen explosionsartigen Donner. „Na, dann geht’s ja gleich los“, denkt sie und geht in den Garten, um die Wäsche von der Leine zu holen.

13.02 Uhr. Verena Schmadtke glaubt grundsätzlich erst dann an Regen, wenn sie ihn sieht. Gut gelaunt hängst sie ihre Unterwäsche neben dem Haus auf die Leine, weil sie weiß, dass das ihre Nachbarin Heidi Flunckert auf die Palme bringt. Außerdem vermutet sie, dass die Dessous Heidis Mann heiß machen. Dieser Umstand verbessert ihre gute Laune noch einmal um ein Beträchtliches.

13.16 Uhr. Die Feuerwehrsirene in der Lindenstraße ertönt. Allgemein wird ein Einsatz auf der Autobahn als Grund angenommen, bis ein Löschzug Richtung Unterdorf durch die Gemeinde braust.

13.18 Uhr. Erste Regentropfen fallen vom Himmel.

0.00 Uhr. Ein kräftiger Niederschlag, ein paar Blitze – ja. Aber ein regelrechtes Unwetter steht noch aus. Und es wird kommen. Zu viele Gründe sprechen dafür.

 

(Andreas Scheffler, Juni 2020)

Andreas Scheffler: Die Ruhe vor dem Sturm

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