Häusliche Gewalt 1

Meine Omma, die nie durch besondere geistige Beweglichkeit aufgefallen und nun auch schon weit über achtzig war, hatte irgendwo den Begriff „paradox“ aufgeschnappt und sich, ohne zu wissen, was es genau bedeutete, in das Wort verliebt. Geraume Zeit lang war für die Omma alles „paradox“: Dass der Müll jetzt an einem anderen Tag abgeholt wurde, dass der Bäcker heute keinen Streuselkuchen hatte und dass ich mir ein Karl-Marx-Plakat ins Zimmer gehängt hatte – das alles fand sie „paradox“.  Dieses Wort stach bei jeder Nennung krass aus dem üblichen Wortschatz meiner Omma hervor, es gehörte nicht zu ihr und klang fremd.

Genauso fremd klingt es, wenn der mir flüchtig bekannte Lieferwagenfahrer kurz zu einem Small Talk anhält und mir erzählt, dass das mit der Krise jetzt aber mal bald vorbei sein müsse, denn diese ganze „Häusliche Gewalt“ nehme ja überhand. Er hat schon eine Vorstellung von der Bedeutung des juristischen Begriffs, aber letztenendes ist es auch nur ein Schlagwort, das er im Fernsehn aufgeschnappt hat.

 

Negatives Denken

Vor ein paar Tagen schrieb eine junge Frau in meiner Tageszeitung, es mache sie betroffen, dass eine Menge Leute dieser Krisenperiode etwas Positives abgewinnen könnten, sich über die Ruhe freuten, die eingekehrt sei, die „Entschleunigung“ , die sich allenthalben breit mache; sie könne nicht verstehen, dass so viele Menschen sich zufrieden in ihre Sessel zurücklehnten, während gleichzeitig andere um sie herum stürben.

Die Frage ist doch: Wo beginnt das „Um-einen-herum“? – In derselben Straße? Im Dorf, der Stadt, dem Land, dem Kontinent oder auf der Erde? Wir konnten uneingeschränkt positiv denken, während in den armen Ländern pausenlos verhungert wurde. Wenn dagegen zwei Häuser weiter jemand durch einen Virus umkommt, sollen wir trauern. Schwingt da nicht ein großes Stück Beunruhigung mit, ja womöglich Angst um das eigene Leben, also blanker Egozentrismus? Das ist zwar verständlich, jedoch gleichzeitig genau die Sichtweise, die uns nicht unbedingt betroffen, aber doch nachdenklich machen sollte.

 

Häusliche Gewalt 2

„Wenn sich jetzt Paare zoffen, weil sie mehr Zeit miteinander verbringen, dann hat aber auch vorher schon einiges mit den beiden nicht gestimmt“, sage ich der entfernten Bekannten, und sie guckt mich entgeistert an, als hätte ich ihr soeben eine Menge Schuppen von den Augen gefegt.

 

(Andreas Scheffler, April 2020)

Andreas Scheffler: Drei ernste Anmerkungen

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