Der 28. März. Heute wird in den USA der „Respektiere-Deine-Katze-Tag“ begangen. – Nun ist es meiner Ansicht nach vollkommen unmöglich, eine Katze nicht zu respektieren. Sollte jemand damit anfangen, wird er nämlich auf der Stelle und gnadenlos von der Katze zurück-nicht-respektiert. In Filmen gehen selbst die brutalsten Dumpfbacken und Rabauken sanft mit dem Tier um und wenn einmal nicht, dann kommen sie am Ende jämmerlich ums Leben oder müssen ins Heim.

Wer Katzen nicht respektiert, wird mit Missachtung gestraft und gemieden.

Ich wohnte als Kind in einem ländlichen Gebiet am Stadtrand von Gütersloh im Ortsteil Sundern. Wir hatten immer einen Kater, der Mäuse jagte, auf dem Heuboden schlief und uns, wenn er Lust hatte, Gesellschaft leistete. Alle hießen „Mies“, was ein sunderanischer Begriff für „Katze“ ist. Es hieß, dass die Tiere auf i-Laute besonders reagieren, und deshalb war „Mies“ ein sowohl praktischer, wie auch niedlicher Name. Unsere erste Mies starb, nachdem sie irgendwo auf den umliegenden Feldern und Wiesen Rattengift gefressen hatte, das ein Bauer dort achtlos ausgelegt hatte. Die Zweite wurde auf der Straße von einem Auto so unheilbar angefahren, dass mein Vater sie mit seiner Flinte erschießen musste. Die dritte und letzte, mit der ich als Kind zusammenleben durfte, war von Kopf bis Fuß schwarz, über alle Maßen zutraulich und ein Ruhepol in der Familie. Wann immer mich meine älteren Brüder geärgert hatten, mein Vater schlecht gelaunt war oder meine Mutter zickig, konnte ich bei unserer Mies entspannen. Ich hätte das damals nicht so genannt; ich hätte gesagt „Ich spiele mit der Mies“, aber tatsächlich hatte ich in Gesellschaft unserer Katze meinen Frieden. Alles andere war in dem Moment nicht wichtig.

Dann hieß es eines Tages, ich mag neun oder zehn gewesen sein: „Man hat festgestellt, dass Mutter eine Katzenhaarallergie hat. Ihr dürft Mies nicht mehr anfassen.“ Vater wollte mit Onkel Herrmann reden, dass er sie holt und Mies bei ihm wohnen könne. Onkel Herrmann war ein Bauer aus der Umgebung, den wir alle kannten, weil wir Kinder ihm oft bei der Heuernte geholfen hatten und die Familie nach Hausschlachtungen immer Blut-und Leberwurst bei ihm kaufte. „Noch zwei Wochen, dann kommt er sie holen.“ – Warum erst in zwei Wochen, weiß ich heute nicht mehr; jedenfalls wurde es eine schlimme Zeit.

Wann immer Mies ankam und uns umstreichen wollte, mussten wir sie wegscheuchen, wir durften sie nicht streicheln, nicht lieb mit ihr sprechen, weil sie sich dadurch ermuntert fühlte; wenn sie ankam, sollten wir weggehen. Aber sie sah einen an. Und sie maunzte. Und wir mussten hart bleiben. Immer wieder kam der Vater und scheuchte sie fort. Ihr wurde lieblos der Futternapf hingestellt, und das war es.

Eines Tages war sie weg. Erst hieß es, Onkel Herrmann habe sie wohl heimlich abgeholt, damit uns der Abschied nicht so schwer fiele. Aber dann stellte sich heraus, dass der Onkel wohl dagewesen sei, aber nirgendwo eine Katze entdeckt habe. Unsere Mies war weggelaufen. Weil wir sie missachtet hatten.

Wir Kinder suchten sie überall, riefen ihren Namen, aber da nützte auch das langgezogenste  Iiiih nichts. Sie war nicht vergiftet worden oder überfahren, sie war einfach nicht mehr da. Ich war neun oder zehn, und ich weinte hemmungslos.

Später kamen Gedanken auf: Ob die Mutter wirklich allergisch gegen Katzenhaare war? Oder war sie eifersüchtig auf unsere Katze? Ist die Mies wirklich weggelaufen, oder hat der Vater, als wir in der Schule waren, sie heimlich …  Es wird keine Auflösung geben.

Als ich 24 war, habe ich meinen ersten eigenen Kater bekommen. Er hieß Romeo und wurde mir von meiner Freundin überlassen, nachdem sie unsere Beziehung beendet hatte. Ihr neuer Freund war allergisch gegen Katzen.

Und ich war bemüht, alles wieder gut zu machen.

(C) Andreas Scheffler, März 2021

Andreas Scheffler: Eine traurige Katzengeschichte

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