Im Kreuzworträtsel der Berliner Zeitung war unlängst ein poetisches Wort für „Frühling werden“ einzutragen. Die gesuchte Vokabel stellte sich als „LENZEN“ heraus. Bislang war mir der Begriff nicht geläufig, aber jetzt hat er gute Chancen, in meinem aktiven Wortschatz einen prominenten Platz einzunehmen. –„ Lenzen“ – das klingt leichtfüßig, sorglos und gut gelaunt.

Und tatsächlich: Auch wenn der kalendarische Frühling am 1. März und der meteorologische erst  in der Nacht zum 21.3. beginnt, lenzt es hier auf dem Dorf schon jetzt gewaltig. Das ist, wie in jedem Jahr, daran zu erkennen, dass es überall mächtig qualmt. Ein großer Teil der Gartenbesitzer harkt sein noch feuchtes Laub zu veritablen Bergen zusammen, häuft noch ordentlich Zweige und Äste vom jüngsten Baumschnitt darüber, begießt den Haufen großzügig mit Diesel, und dann beginnt das Fest. Erst vereinzelt, dann immer zahlreicher wabern Wolken weißgrauen Qualms in die Höhe und in angrenzende Gärten, durchwirken leichtfertig zum Trocknen aufgehängte Wäschestücke und sammeln sich über dem Schulzensee zu einem Bild, das dem John-Carpenter-Horrorschinken „The Fog – Nebel des Grauens“ entlehnt scheint.

An den eher glimmenden als lodernden Brandherden stehen die Gartenfreunde in losen Grüppchen beisammen und freuen sich. In ihren Gesichtern leuchtet vom Frühling befeuerter jugendlicher Übermut. Die Lebenslust, die so lange im Winterschlaf verharren musste, darf nun endlich wieder mit Macht ins Freie. Immer wieder wird dem Feuer mit einem Schuss Sprit nachgeholfen, und auch der eigene Furor bekommt mit dem einen und anderen Schnäpschen von Mal zu Mal robustere Wucht. Der Winter ist passé, auch wenn manche dem sonst obligaten Bier noch einen Glühwein vorziehen. Der Garten ist als Spielplatz wieder geöffnet, und am Wochenende wird angegrillt!

Müßig wäre es, zu fragen, warum man nicht warten konnte, bis das Laub und das Zweigholz hinreichend trocken gewesen wären, um weniger rauchend in die Atmosphäre aufzusteigen.  Das Misstrauen gegenüber dem Wetter ist groß. Und Murphys Gesetz, nach dem alles schiefgeht, was schiefgehen kann, hat viele Ableitungen. Eine davon besagt, dass sobald ein Laubhaufen knochentrocken ist, ein plötzlicher, gewaltiger Regenguss niedergeht und alles Abwarten umsonst war. Dann lieber so. Was weg ist, ist weg.

Und wenn wir schon ein Feuerchen haben, dann sind da auch noch jede Menge Pappkartons, die sich angesammelt haben. Die müssen auch weg. Und der kaputte Gartenstuhl, der letzten Herbst unter der dicken Tante Hilde zusammengebrochen war, ebenfalls.

„Ich gehe noch mal bei mir im Schuppen gucken“, sage ich zu meinem Nachbarn Torsten. Nach kurzer Zeit komme ich mit einem Beutel voll Gartendeko aus Sperrholz zurück: verschieden farbige Tulpen und ein großer, verschmitzt lachender Osterhase, die man zu Ostern in seinen Vorgarten stecken soll. – Vermutlich ein vergessenes Geschenk meiner Schwiegermutter. Ich besitze keinen Vorgarten, aber ein selbstbewusstes Empfinden für guten Geschmack.

„Das muss dringend verbrannt werden“, sage ich zu Torsten. Der nickt, wir werfen den Plunder ins Feuer und freuen uns.

Dass da aber am anderen Seeufer plötzlich schwarzer Rauch aufsteigt und wenig später ein beißender Geruch zu uns herüberweht, finden wir beide nicht in Ordnung.

„Da hat wohl einer Styropor verbrannt“, sage ich. „Was für eine Umweltsau!“

„Aber echt; so ein Arsch“, sagt Torsten und macht uns beiden ein Bier auf.

(C) Andreas Scheffler, Februar 2021

Andreas Scheffler: Es lenzt, dass es nur so qualmt

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Close It