Wenn ich bei gutem Wetter auf der Terrasse sitze, vor mir der Garten, rechts der langgezogene Schuppen und links der Schotterweg, auf dem immer mal wieder jemand mit dem Auto vorbeifährt oder zu Fuß entlang spaziert, gilt für mich der Grundsatz: Erstmal alles grüßen. Schnell könnte sich sonst ein entfernter Bekannter, den man nicht gleich identifiziert hat, brüskiert fühlen, mich für einen blasierten Schnösel halten und dies sogleich herumerzählen. Das kann an Feiertagen und Wochenenden, wenn Touristen das Berliner Umland erkunden recht anstrengend werden, aber: Lieber einmal zu viel gegrüßt, als einmal zu wenig.

Als die Pandemie begann, um sich zu greifen, wurde das Aufkommen an Besuchern schlagartig weniger und kam bald ganz zum Erliegen. Ruhe kehrte ein im Dorf, und über der Gemeinde lag eine friedliche Entspanntheit, wie man sie von einer ländlichen Idylle erwartet.

Seitdem nun die Beschränkungen wegen des Coronavirus mehr und mehr gelockert werden, muss ich immer wieder an einen Satz unseres Gemeinderatsmitgliedes Geister – zuständig für Tourismus – denken, den er mir vor einigen Jahren beim Anglerfest in Teupitz bei einem Bier hinter vorgehaltener Hand zuraunte: Das aus der tiefsten Seele gesprochene Bekenntnis „Wenn wir ehrlich sind, wollen wir doch gar keine Touristen.“

Von der Seebadstraße höre ich ein aufgeregtes Diskutieren, dessen Quelle ich leicht als größere Gruppe von Radfahrern identifiziere, die mitten auf dem Verkehrsweg angehalten hat, um die weitere Route zu besprechen. Ein ungeduldiges Hupen mischt sich in die Geräuschkulisse, welches von empörten Rufen beantwortet wird. In diesem Augenblick biegt mein Kumpel Herbert um die Ecke, murmelt fassungslos „Touristen, meine Fresse – diese Touristen“ vor sich hin und lässt sich nach einem kurzen Gruß in einen der Gartenstühle fallen. Herberts Gesicht ist gerötet, seine Mundwinkel sind angespannt, und die Stirn liegt in Falten.

„Was für den Magen?“, frage ich, und mein Kumpel nickt. Schnell habe ich den Ramazotti und ein Schnapsglas aus der Küche geholt. Der alte Halunke bedient sich selbst.

„Hast Du das gesehen?“, fragt er. „Überall Touristengruppen! Radfahrer, Wanderer und Autos aus ganz Brandenburg. Und Berlin! Die Berliner – die sind am schlimmsten!

„Ja“, sage ich, „entweder fahren sie wie die Henker oder sie schleichen, als ob die Autos keine Stoßdämpfer hätten.

„Jau! Und warst Du heute schon Einkaufen?“

„Nee, ich hab noch alles.“

„Ich war eben bei Penny“, sagt Herbert und gießt sich noch einen ein. „Alles leergekauft!“

„Ja“, sage ich, „wer was zu verkaufen hat, der macht jetzt ne Mark.“

„Genau. Alle beschweren sich über die Touristen, außer, man verdient Geld mit ihnen.“

„Ja, die Marina und die Leute, die Ferienwohnungen vermieten.“

„Und Touristenführer!“, ruft Herbert und kippt seinen Schnaps.

„Soviel ich weiß, haben wir gar keinen Touristenführer. Und wohin sollte der auch die Leute führen?“

„Eben. Ich hab mir gedacht, ich mach das.“

„Du?“ Ich muss lachen. „Na ja, dass du mit einem Trupp Leuten durch das Dorf ziehst, kann ich mir schon vorstellen. Aber was willst du denen denn hier zeigen?“

„Na hör mal!“ Herbert ist empört. „Wir fangen in der Bahnhofskneipe an, damit die Leute erstmal in Schwung kommen. Dann machen wir bei Penny halt, dass sich alle ein Bier oder sonstwas für den Weg besorgen können, dann biegen wir in die Seebadstraße ein – die ist nämlich historisch, dabei erzähle ich ihnen einen vom Pferd, dann kommen wir bei dir an und dann bist du dran.“

„Was?“ Ich bin erstmal baff, und mein Kumpel nutzt die Zeit, um sich einen weiteren Kräuterschnaps in den Hals zu kippen. „Womit bin ich dran?“, frage ich. „Ich bin doch nicht der Dorfchronist.“

„Nee, du liest denen deine Geschichten vor. Oder du lernst sie mal auswendig. Das wär noch besser.“

Wenn ich was von Auswendig-Lernen höre, kriege ich schlechte Laune. „Herbert“, sage ich, „Ich mache kein Kabarett. Was ich mache, ist Literatur. Unterhaltungsliteratur von mir aus. Sowas sagt man nicht auswendig auf. Da kommt es auf jedes Wort an. Und du kannst Leute nicht zu einer Stadtführung mitnehmen und sie dann zu einer Lesung verdonnern. Die kennen mich doch auch gar nicht. Außerdem mache ich das nur in geschlossenen, abgedunkelten Räumen; am liebsten im Keller.“

„Ja, ja, ja. Ich hab mir schon gedacht, dass du nicht mitmachst.“

„Tut mir leid“, sage ich, „Vorlesen ist Vorlesen, und Zuhause ist Zuhause.“

„Entschuldigung!“, ruft in diesem Augenblick jemand vom Gartenzaun. Dort stehen ein Mann und zwei Frauen mittleren Alters in Wanderkleidung. Alle drei haben eine Flasche Bier in der Hand. „Können sie uns was zu der historischen Zugbrücke erzählen?“, fragt eine der Touristinnen, die eine erstaunliche Ähnlichkeit mit Herberts altem Schwarm Cordula hat.

„Nee“, sage ich. „Aber mein Freund hier ist Stadtführer. Der kennt sich aus.“ Ich nicke Herbert aufmunternd zu und drücke ihm die angebrochene Flasche in die Hand. „Du schaffst das“, sage ich leise, und er, vom bereits Getrunkenen ermutigt, geht tatsächlich zu den dreien hinüber und beginnt auch schon zu erzählen, während sich die kleine Gruppe Richtung Kanal entfernt.

(Andreas Scheffler, Juni 2020)

Andreas Scheffler: Herbert, der Touristenführer

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Ein Gedanke zu „Andreas Scheffler: Herbert, der Touristenführer

  1. Ich liebe diese dörfliche Idylle und kann mich immer aufs neue in Andreas seine Geschichten hinein versetzen 👍
    Wir freuen uns – öffnen sich die Schlot Türen. Eine gute Woche wünscht Monika

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