„Was kommt eigentlich morgen für ein Tatort? Oder ist Polizeiruf dran?“, fragt Herbert und schiebt den Reißverschluss seiner Fleecejacke noch ein Stückchen weiter nach oben. Es ist kühl an diesem ersten Mai. Die Wolken haben sich lückenlos vor die Sonne geschoben, und über unsere Terrasse weht ein leichter, frischer Wind.

„Morgen kommt Tatort Münster“, gebe ich Auskunft. „ Kann man gucken. Außer man lehnt lustige Krimis grundsätzlich ab.“

Münster ist okay. Das ist noch nicht zu albern.“ Herbert nimmt einen Schluck Kaffee und lehnt sich in seinem Gartenstuhl zurück. „Wie alt mögen die beiden wohl sein, Thiel und Boerne?“

„Du meinst Prahl und Liefers? – Ich guck mal nach.“ Ich greife zum Handy und habe ruck zuck die Daten bei der Hand: „Prahl ist 61 und Liefers 56; beide älter als wir.“

„Ja, aber nicht viel.“ Herbert verzieht das Gesicht. „Ist dir eigentlich schon aufgefallen, dass immer mehr Kommissare und Kommissarinnen jünger sind als wir? Jetzt nicht nur beim Tatort und Polizeiruf. Eigentlich in allen Krimiserien.“

„Na ja“, sage ich, „das liegt einfach daran, dass wir ganz normal älter werden, im Fernsehen aber immer mehr Jüngere nachkommen. Als ich Kind war, hab ich am liebsten Hans-Jörg Felmy als Kommissar Haferkamp gesehen. Der ist jetzt schon seit mehr als zehn Jahren tot. Haferkamp hatte übrigens als erster Kommissar eine geschiedene Frau, mit der er sich aber trotzdem noch prima verstanden hat. Das war damals irgendwie verrucht.“

„Jürgen Frohriep, der damals im Polizeiruf den Oberleutnant Hübner gespielt hat, ist schon kurz nach der Wende gestorben. Hat wohl schwer gesoffen und kaum noch Rollen gekriegt.“

„Wobei man wahrscheinlich nicht weiß, ob eins davon der Grund für’s andere gewesen ist“, ergänze ich.

Herbert schweigt eine Weile und stimmt dann zu: „Ja, wahrscheinlich. Hättest du wohl einen Kleinen für uns?“

Ich hole uns beiden ein Bier aus dem Vorratsraum und ihm zusätzlich einen Gurkenschnaps aus Golßen.

Mein Freund sieht mich skeptisch an: „Hast du auch was Anderes? Wo wir jetzt beim alten Polizeiruf waren, hätte ich wohl Lust auf’n Braunen.“

Ich gehe nochmal Gucken und finde tatsächlich ganz hinten im Regal eine Flasche Wilthener Goldkrone.

„Ah, den Guten!“, sagt Herbert und gießt sich sein Pinnchen bis zum Rand voll. „Auf die alten Fernsehrecken“, prostet er mir zu, und ich stoße mit meinem Bierglas an.

Ein Weilchen sehen wir ruhig in die Ferne, dann nehme ich den Gesprächsfaden wieder auf: „Im Grunde genommen sind wir noch gar nicht so alt. Mitte fünfzig ist doch nix heutzutage. Schon gar nicht bei uns auf’m Dorf. Wenn hier eine alte Frau Junger Mann zu mir sagt, hört sich das nicht falsch an, auch wenn es eine Floskel ist.

„Ja“, sagt Herbert, „hier gehören wir noch zu den Jüngeren. Aber unter denen, die eine Rolle spielen, sind wir schon weg vom Fenster.“

„Na ja“, schränke ich ein, „ein paar Jahre haben wir schon noch. Im nächsten Jahr soll der neue Indiana-Jones-Film rauskommen. Dann ist Harrison Ford 80.“

„Und bestimmt wird sich da die ganze Zeit über sein Alter lustig gemacht.“

„Klar“, sage ich, „das gehört dazu. Aber am Schluss wird er wieder alle retten.“

„Na, Gott sei Dank“, schnauft Herbert und kippt sein Pinnchen.

„Der ist ja auch schon verdammt alt“, murmele ich eigentlich nur so vor mich hin.

„Wer?“

„Na Gott. Wenn’s ihn überhaupt gibt.“

Herbert gießt sich noch einen Schnaps ein und fängt auf einmal an zu lachen.

„Was gibt’s zu lachen“, frage ich.

Herbert beruhigt sich langsam und sagt dann kichernd: „Ich musste nur gerade an Jopie Heesters denken. Der ist ja auch steinalt geworden.“

„Ja“, sage ich, „aber schön war das die letzten Jahre auch nicht mehr.“

„Ja eben“, sagt Herbert, und wir grinsen eine Weile still in uns hinein. Dann wendet mein Freund sich wieder in meinen  Richtung: „Welchen Tatort oder Polizeiruf siehst du eigentlich am liebsten.“

„Eigentlich“, sage ich, ohne lange zu überlegen, „gucken Sabine und ich am liebsten die Tatorte aus Köln und München. Da weiß man, was man hat.“

„Jau“, stellt Herbert fest, „und da arbeiten die dienstältesten Kommissare.“

„Überführt“, denke ich, lehne mich in meinem Stuhl zurück und genieße mein Bier.


(C) Andreas Scheffler, Mai 2021

Andreas Scheffler: Herbert und das Krimipersonal

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