Was kann man Schlechtes über das Homeoffice, also das Büro zu Hause, sagen? – Erstmal nichts. Außer das „Zu Hause“ ist in keinem guten Zustand, sprich: Der Arbeitsplatz ist nicht frei von Störungen.

Wenn also andere Menschen im Haushalt anwesend sind, die nicht die Fähigkeit besitzen, sich halbwegs lautlos zu verhalten, wenn Paketboten, Nachbarn und Mitglieder von Drückerkolonnen, Sekten und caritativen Einrichtungen an der Haustür klingeln, wenn in der nahen Umgebung umfangreiche Baumaßnahmen getätigt werden oder der Energieanbieter gerade mit der Stromleitung experimentiert, dann kann man sein Büro stilllegen, einen Sandsack an die Decke hängen und so lange darauf eindreschen, bis man zu erschöpft ist, sich noch aufzuregen.

Wenn man aber ungestört und ruhig dem Kommen und Gehen der Inspiration folgen kann, Ablenkung zulässt, wenn man es wünscht, um dann wieder konzentriert ans Werk zu gehen, dann ist das Homeoffice ein Segen.

Das Problem: Den eben beschriebenen Zustand gibt es nicht; genau so wenig wie ein unbehelligtes Arbeiten im Großraumbüro.

„Inspiration: Darauf am meisten stolz sein, wofür man am wenigsten kann.“ – Wer hatte das nochmal gesagt? Wo finde ich das? – Zitatekiste. Da steht es; zwischen Imperativ, kategorischer und Intellektualgegegesinnung. – Paul Valéry hat das gesagt. Und das mit der Gegengesinnung? – Na, klar: Eckhard Henscheid: „Die Instinktlosigkeit, die Intellektualgegengesinnung, die verrohungsgesättigte Intellektualverrottung kennt in dieser tödlichen Nation keine Barrieren mehr.“ Das ist mal wuchtig formuliert! In dem Roman „Geht in Ordnung, sowieso, genau“ aus der Trilogie des laufenden Schwachsinns. Daraus haben Horst, Hans, Bov und ich uns ständig gegenseitig vorgelesen, als wir noch Studenten waren. Und später habe ich mich mal nach einer Vorstellung im Tempodrom eine ganze Weile mit Dieter Nuhr drüber unterhalten. Dieter Nuhr, ein ganz Netter, hatte sich so gefreut, dass ich ihn auf mein Alter geschätzt hatte, dabei ist er sechs Jahre älter. Aber für uns beide war Eckhard Henscheid wichtig. – Ob der überhaupt noch lebt? Mal bei wiki gucken: Ah, ja. Ist 79 und lebt noch. Und hat eine Biographie geschrieben, von der ich bisher nichts wusste. Die werde ich mir gleich mal bestellen. Der nächste Buchladen wäre in Königs Wusterhausen. Da will niemand hin. Also Amazon. Weil es so verdammt praktisch ist.

Wenn ich so an diesen Roman von Henscheid denke, kriege ich Lust auf ein Bier. Und ich hätte sogar Sechsämter da. Aber nein, ich habe ja noch zu tun.

Der Henscheid. Wenn das alles stimmt, was man so gehört hat, war der schon früh finanziell unabhängig, weil er ein Mietshaus geerbt hat. Da kann man natürlich sorglos und locker drauflos schreiben. „In diesem Mietshaus wohnen wir seit einem Jahr und sind hier wohl bekannt.“ So fing „Ein ehrenwertes Haus“ von Udo Jürgens an; hab ich Anfang der 2000er während eines Heimaturlaubes in Gütersloh mal einen neuen Text drauf geschrieben: „Unser renoviertes Haus“; war schwierig zu singen; lange Sätze, viel Text, aber wenig Melodie; ohne Musikbegleitung ganz schwierig. Gütersloh – ist jetzt Großstadt, aber können nicht Fußball spielen; Oberliga Westfalen. Hoffenheim hat nicht mal 4000 Einwohner! Aber ich schweife ab.

Wo war ich überhaupt stehen geblieben? War ich überhaupt schon losgegangen? – Genau: Lob des Homeoffice, wenn man unbehelligt ist. Oder „Lob des Homeoffices“? – Egal. Das Fazit: Egal, wo man arbeitet, ohne fertige, grundlegende Gedanken braucht man sich gar erst nicht an den Schreibtisch zu setzen. Ansonsten verfängt man sich in endlose Assoziationsketten, die mancherorts als Lyrik durchgehen könnten, tatsächlich aber nichts anderes sind als misslungene Prosa. Aber auch das liegt wieder ausschließlich in den Augen der Betrachtenden; und selbst, wenn man ins Schwafeln gerät, kann man das manchmal noch als Prosagedicht verkaufen.

Aber das will ich nicht, und deshalb bin ich auch nicht unfroh, dass ich gerade jetzt, in diesem Moment absoluter Hilflosigkeit, höre, wie draußen unter dem Balkon mein alter Kumpel Herbert halblaut ruft und fragt, ob ich daheim bin.

Darauf will ich gern wahrheitsgemäß antworten. Mal gucken, ob er Sechsämter mag …


(C) Andreas Scheffler, Mai 2021

Andreas Scheffler: Homeoffice

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