Ich bin Herberts Kontaktperson

Freitagnachmittag. Die Sonne strahlt, aber ein kühler Wind aus Südwest lässt einen immer wieder frösteln. Das Dorf läutet das Wochenende ein, als wäre alles beim Alten. Jeder kehrt vor seiner eigenen Tür, hat aber gleichzeitig ein wachsames Auge auf die Vorgärten der Nachbarn. Die Männer haben ihre Rasenmäher hervorgeholt und unterlegen die frühlingshafte Atmosphäre mit einem gemäßigt geschäftigen bürgerlichen Brummen. Ich schlendere durch den Garten, freue mich darüber, wie alles wächst und habe den Eindruck, dass die Fluginsekten jedes Jahr größer werden.

In diese lauschige Stimmung platzt, schon von Weitem sich durch Rufe ankündigend, mein Kumpel Herbert. Aus 40 Metern Entfernung brüllt er „Kontaktperson!“ und wiederholt es mehrfach, bis er endlich, mit dem vorgeschriebenen Sicherheitsabstand, zu mir an den Lattenzaun tritt.

„Du bist jetzt meine Kontaktperson, okay?“, sagt er, holt sich ein 0,1 Liter-Fläschchen Chantré aus seiner Jackentasche und nimmt einen Schluck.

„Klar, wenn du willst. Und Tach erstmal“, antworte ich. „Geht’s dir gut?“

„Ja, Tach.“ Herbert ist wie immer sehr aufgeregt. „Mir geht’s normal. Aber mal eine Frage: Man darf doch immer nur zu zweit sein, mit seiner Kontaktperson. Muss das eigentlich immer die gleiche Person sein oder kann ich mal mit dem und mal mit dem zu zweit rumlaufen?“

„Hm“, sage ich, „meine Hauptkontaktperson ist natürlich Sabine. Aber, ich glaube, ich könnte trotzdem noch mit Dir einen Spaziergang machen.“

„Ja, aber könnte ich – nur zum Beispiel – mit fünf Leuten vom Anglerverein jeweils ne halbe Stunde rumlaufen? Nacheinander?“

Ich zünde mir erstmal eine Zigarette an und nehme einen Zug. „Da bin ich mir nicht ganz sicher, aber ich denke mal, dass wäre in Ordnung.“

„Nicht dass ich das wollte“, beeilt sich Herbert anzumerken, „aber das kann ja ein Schweinegeld kosten, wenn man was falsch macht.“

„Na ja, beim ersten Mal würdest du wahrscheinlich nur verwarnt.“

„Das kommt wahrscheinlich darauf an. Es gibt ne Menge Leute, die mich auf‘m Kieker haben“, grinst mein Kumpel und nimmt noch einen Hieb aus seinem Weinbrandpülleken. Dann fingert er eine Schachtel Tiparillo aus seiner Brusttasche, steckt sich die dünne Zigarre mit Mundstück zwischen die Lippen und zündet sie mit einem Streichholz an.

Ich bin von den Socken. „Herbert, du willst doch nicht allen Ernstes jetzt mit über fünfzig noch mit dem Rauchen anfangen. Das fände ich schon ziemlich dämlich.“

Herbert winkt ab: „Ich mach das doch nicht zum Spaß. Ich hab mir nur gedacht: Dieses Corona, das ist doch eine Lungenkrankheit. Und mal angenommen, wenn man raucht, das Nikotin, das würde die ganzen Viren abtöten, also quasi Feuer mit Feuer bekämpfen; und der Teer ist ja auch so ne Art Barriere, also, wenn Raucher da mehr oder weniger geschützt wären …“

„Oh Mann“, sage ich, „das ist aber eine ganz schön abenteuerliche Theorie. Wenn da was dran wäre, meinst du nicht, dass man das schon irgendwo gehört hätte?“

„Nö, überleg mal: Wenn das ein Wissenschaftler rausfinden würde, ob der das erzählen dürfte? Könnte der sich hinstellen und – erstmal im kleinen Kreis – sagen: „Leute raucht, was das Zeug hält! Das ist besser als jeder Mundschutz Oder würden dann alle sagen: „Nee, das sag mal lieber nicht öffentlich. Rauchen ist schließlich auch keine Lösung.“ Ich weiß es ja nicht. Aber nur mal angenommen …“

„Na ja, die Tabakindustrie würde sich freuen.“

„Ja, irgendeiner freut sich immer.“

„Die meisten aber nicht.“

„Das ist nicht gerade optimistisch.“

„Nee“, sage ich, „aber Optimisten kann man auch niemals angenehm überraschen.“

„Wenn du das sagst. Na, dann werd ich mal wieder.“

„Jau, Herbert, bis die Tage.“

Nach drei Schritten dreht sich mein Kumpel nochmal um und prostet mir mit seinem Flachmann zu. Ich winke ihm, laufe schnell ins Haus und schreibe meinen letzten Satz auf einen Zettel. Wäre ein prima Kalenderspruch.

(Andreas Scheffler, April 2020)

Andreas Scheffler: Ich bin Herberts Kontaktperson

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