Ich hätte in Discos abhängen können, hätte, wie meine älteren Brüder, im Sportverein Fußball oder Basketball spielen können. Ich hätte mich auch bemühen können, ein überdurchschnittliches Abitur zu erreichen. Aber das war alles nicht mein Ding. Stattdessen war ich aktiver Jungsozialist. Mein Denken war durchdrungen vom Prinzip der Gerechtigkeit, und die politische Aufklärungslust ging einher mit einer verzweifelten Wut angesichts der Borniertheit, von welcher meine Argumente immer und immer wieder abprallten. Die Gemeinschaft der Jusos gab Halt, Freundschaft und die Erfahrung, dass es möglich ist, sich Erfolge zu organisieren.

An einem Nachmittag im Frühling 1986 hatten wir eine Aktion vor der Filiale der Dresdner Bank geplant. Denn dieses Institut machte Geschäfte mit Südafrika und vermittelte an das Apartheid Regime großzügige Kredite, wodurch das System gestützt wurde. Das ging uns natürlich gegen den Strich.

Wir trafen uns im Parteibüro der SPD in der Hohenzollernstraße und verkleideten uns. Andreas „Knobi“ Knobelsdorf  bekam ein großes Pappschild mit dem Namen des Staatspräsidenten, Pieter Willem Botha, auf die Brust. Thomas „Rosa“ Rosanowski spielte die Dresdner Bank, kenntlich gemacht ebenfalls mit einem Namensschild und zusätzlich dem „grünen Band der Sympathie“ um den Nacken. Wir anderen, Henning, Jule, Christoph, Nicole, Hans-Jörg, Kwassi, Anne-Marie, Sascha und ich, malten uns mit Theaterschminke die Gesichter und Hände dunkelbraun an, legten uns Ketten um die Hälse und ließen uns so aneinanderbinden, dass wir gerade noch laufen konnten. „Botha“ nahm das Ende der Kette und führte uns von der Geschäftsstelle zur Münsterstraße, an der die Dresdener Bank ihren Gütersloher Sitz hatte. Wann immer wir an Menschengruppen vorbeikamen, hielten wir kurz an, die DreBa in Form von Rosa huldigte dem Rassisten und überreichte ihm mit großer Geste Geldbündel. Wir anderen verteilten Flugblätter, in denen wir unter der Überschrift „Das macht ihr Geld in Südafrika“  den Sachverhalt erklärten. Wir erregten Aufmerksamkeit. Überdurchschnittlich viele Menschen blieben stehen, nahmen die Handzettel oder fragten sogar nach, weshalb wir hier geschminkt und angekettet herumliefen.

Direkt vor der Filiale machten wir schließlich Halt und fuhren mit der Aktion fort. Knobi brachte eine Hand voll Flugblätter in den Schalterraum der Bank, wurde aber sofort vor die Tür gesetzt. Ein Herr des Instituts ließ sich kurz auf dem Bürgersteig sehen und drohte aufgeregt mit der Polizei. Diese kam nach einiger Zeit, was wir sehr begrüßten, denn erstens schaffte dies noch größere Beachtung und zweitens hatte Knobi daran gedacht, nicht nur die Demonstration anzumelden, sondern auch die Presse zu informieren. Diese erschien gerade rechtzeitig, um mitzubekommen, wie der Sprecher der Bank mit der Polizei diskutierte, uns als „linkes Pack“ bezeichnete, auf Fragen der Reporter zur Sache aber nur stammelte. Derweil bildete sich auf der Straße eine Traube aus Neugierigen. Dass der einzige Gütersloher Polizist, der auch Parteifreund war, ausgerechnet jetzt zur Stelle war, war vermutlich Zufall. Jedenfalls wurde die Angelegenheit friedlich gelöst, wir zogen gut gelaunt, mit einem Umweg über den Hertievorplatz, zurück zum Parteibüro und verbrachten geraume Zeit damit, die Schminke wieder aus dem Gesicht und von den Händen zu bekommen.

Am nächsten Tag erschienen in der Neuen Westfälischen ein großes Foto und ein kleiner Bericht unter der Überschrift „Jusos demonstrieren vor der Dresdner Bank“. Die Reaktionen waren überwiegend positiv.

Diese kleine Episode wäre nicht unbedingt erwähnenswert. Bedenkenswert freilich ist, dass die Aktion heute, 35 Jahre später, möglicherweise einen verheerenden Shitstorm ausgelöst hätte.

(C) Andreas Scheffler, März 2021

Andreas Scheffler: Ich und die Banken 1 – die Dresdner Bank

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