Ich weiß, wie man Skat spielt, aber ich kann es nicht sehr gut. Das heißt, wenn Kooperation angesagt ist, könnte ich durch einen dummen Fehler meinen Mitspieler ins Unglück stürzen. Aus diesem Grund lehne ich meistens ab, wenn ich gefragt werde, ob ich in eine Runde einsteigen möchte. Wenn man mich trotzdem zu überreden versucht, weise ich stets auf meine mangelnde Erfahrung hin und beuge so möglichen Anwürfen vor.

Als jüngster von drei Geschwistern war ich bei Gemeinschaftsspielen in der Familie lange Zeit auf die Verliererrolle abonniert. Bei Kartenspielen mit großem Glücksfaktor wie Poker, 17 und 4 oder dem weniger bekannten Mauscheln, lernte ich schnell und war bald ebenbürtig. Lediglich meine Risikobereitschaft stellte sich bisweilen als zu hoch heraus. Das Pokerface dagegen beherrschte ich perfekt. Bei Brettspielen wie Risiko, Öl für uns alle oder Scotland Yard brauchte mein Abstraktionsvermögen eine Weile, um auf den Stand der Älteren zu kommen. Als ich achtzehn war, waren wir etwa auf dem gleichen Level.

Etwas zu der Zeit veranstaltete die Commerzbank meiner Heimatstadt eine Meisterschaft im Börsenspiel. Der Gewinner konnte in der nächsten Runde zur Meisterschaft von Nordrhein Westfalen antreten, und wer auch dort siegte durfte nach Frankfurt am Main reisen und versuchen, Deutscher Champion zu werden. Mein ältester Bruder, Siegfried, und ich hatten Erfahrung in dem Spiel und beschlossen, mitzumachen.

An einem Freitag nach Schalterschluss betraten wir mit etwa 30 anderen gutgelaunten, meist jungen Menschen das Foyer der Commerzbankfiliale in der Berliner Straße. Im recht großen Schalterraum waren Tische verteilt, auf denen bereits die Spiele aufgebaut worden waren. Der Filialleiter begrüßte uns und erklärte, dass man noch auf ein paar Nachzügler warte, und auch etwaige Passanten, die dazustießen, wären willkommen, da noch Plätze frei wären. Tatsächlich schlenderte kurz darauf ein älterer Herr mit langem Mantel und Hut herein und erkundigte sich, was denn hier veranstaltet würde. Bei diesem Herrn, erklärte mir mein Bruder, handelte es sich um den stadtbekannten Pensionär Hellmann, der dem Vernehmen nach von Geburt an sehr wohlhabend sei und sein Leben als Flaneur und Tagedieb verbrachte. Dieser Herr Hellmann beschloss nun, an dem Spiel teilzunehmen; die Regeln würde man zu Beginn bestimmt erklären, und alles andere würde dann schon von selbst kommen.

Bankangestellte haben einen anerzogenen Respekt vor wohlhabenden Menschen, widersprachen also nicht, und so wurden unter Einbeziehung des blutigen Anfängers die Gruppen für die erste von zwei Runden ausgelost. – Der Zufall brachte ihn und mich an den gleichen Tisch.

Sinn des Börsenspiels ist es, durch den Kauf und Verkauf von Aktien möglichst viel Geld zu scheffeln. Den Kurs der Wertpapiere kann man mit Aktionskarten sowohl herauf-, als auch herabsetzen. Man kauft natürlich nur Aktien, für die man günstige Karten besitzt. Wer am Ende am meisten Geld hat, gewinnt. – Im Grunde genommen also ganz einfach. Wenn aber einem Mitspieler egal ist, ob er gewinnt oder verliert, ist eine Unbekannte im Spiel, die das ganze vollkommen unberechenbar macht. In der Ersten Runde kaufte Herr Hellmann Papiere der Commerzbank, da er „ja hier zu Gast“ sei, wie er heiter verkündete. Da ich für dieses Unternehmen hervorragende Karten besaß, kaufte ich ebenfalls großzügig ein. Eine zweite Runde verlief wenig spektakulär, bis in der Pensionär in der dritten lapidar bemerkte: „Dann nehme ich mal diese Karte.“ Und diese Karte auszuspielen, war tatsächlich die Blödeste, was er machen konnte. Mit dieser Karte nämlich setzte er die Commerzbank-Aktie dermaßen in den Keller, dass er auf der Stelle pleite war und ausscheiden musste. Und ich ebenfalls.

Als die Spielleiterin dies verkündete, sagte er fröhlich „Na sowas“, stand auf und ließ, als wäre alles nicht schon ärgerlich genug, denn schlimmsten Satz fallen, der nun kommen konnte: „Ist ja nur ein Spiel.“ Die anderen aus der Gruppe sahen mich mitleidig an, als ich mit versteinerter Miene langsam aufstand und zum Rauchen nach draußen ging.

In der Pause vor dem zweiten Durchgang stand Herr Hellmann in dem Grüppchen neben mir und meinem Bruder und verkündete abermals lachend, dass es ja nur ein Spiel sei. – Siegfried musste mich zurückhalten, sonst hätte es einen Eklat gegeben.

Die zweite Runde endete für mich mittelmäßig. – Nicht schlimm. Der Gesamtsieg war nach dem ersten Ausscheiden eh nicht mehr drin. (Nachdem Tage später der Ärger verraucht war, verbuchte ich die Episode unter der Rubrik „Lebenserfahrung“.) Der Blödmann übrigens schied auch beim zweiten Spiel früh aus. Anschließend verkündete er, nun im Türmer, dem hiesigen Weinlokal noch einen Schoppen Riesling zu sich zu nehmen. Falls er erwartet hatte, dass sich ihm jemand anschloss, wurde er enttäuscht.

 

(C) Andreas Scheffler, März 2021

Andreas Scheffler: Ich und die Banken 2 – die Commerzbank

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