Der Kackewagenfahrer hat seit dem letzten Jahr einen neuen Laster: einen großen, langen und sicher vier Meter hohen Lkw, überwiegend weiß lackiert und immer frisch gewaschen, mit dem er stolz durch die schmalen Straßen unseres Dorfes und der umliegenden Gemeinden fährt, um hier und da die lästigen Abwässer der Haushalte in seinen mächtigen Tank zu pumpen und weit fort zu schaffen. Der Kackewagenfahrer ist ein noch junger Mann, immer sauber und adrett gekleidet in seinem orangenen Overall; er möchte geachtet und respektiert werden, und er wünscht sich, dass ihm gedankt wird für seine Arbeit; dafür, dass er uns alle von unserem Schmutz befreit. Aber in der Realität dankt ihm niemand; man ist froh, wenn er wieder weg ist.

Denn er ist und bleibt der Kackewagenfahrer. Alles, was man mit ihm assoziiert, bündelt sich in dem Wort „Scheiße“. – Da kann man schon mal unleidlich werden.

Für unsere Kleinkläranlage ist er nicht zuständig, aber mehrmals im Monat muss er zu anderen Anwohnern des kleinen, unbefestigten Weges, der an unserem Haus vorbeiführt. Und dabei streifte er mit seinem riesigen Tankwagen unvermeidbar unseren Flieder und einige Zweige des Walnuss- sowie des Mirabellenbaumes, die über den Zaun hinaus ragten. Kratzer auf ihren Kraftfahrzeugen, zumal neuen, sind für viele Männer mindestens so schmerzhaft wie Schrammen auf der eigenen Haut. So stand der junge Entsorger eines Tages voll mühsam unterdrückter Aggression vor meiner Haustür, duzte mich dreist und forderte mit Verweis auf seinen neuen Laster die Beschneidung meiner Großpflanzen. Meinen Einwand, dass Nutzfahrzeuge den einen und anderen Kratzer schon mal wegstecken müssten, ignorierte er ebenso wie die Feststellung, dass der schmale Weg für solch überdimensionierte Wagen eigentlich gar nicht gemacht sei.

In der folgenden Woche schnitt ich die größten Äste ab. Wenige Tage später klingelte der Kackekutscher erneut  und verlangte einen Kahlschlag exakt auf der Grundstücksgrenze. Ich erwiderte, er könne mir mal im Mondschein begegnen, wünschte ihm einen guten Tag und beendete den Wortwechsel, bevor er Fahrt aufnehmen konnte.

Wenig später begann eine stundenlange Grübelei darüber, ob dem jungen Menschen diese Redewendung überhaupt geläufig sei. „Sie können mir mal im Mondschein begegnen!“ ist ja nichts anderes als die höflichere Form von „Sie können mich mal am Arsch lecken!“ mit der hintergründigen Androhung körperlicher Gewalt im Falle eines Treffens bei nächtlichem Zwielicht. – Eine zugegeben vermessene Ansage, da der Kerl etwa zwanzig Jahre jünger, einen Kopf größer und wesentlich muskulöser war als ich. Dass er meine Aufforderung als eine Einladung zu einem spätabendlichen Rendezvous zum Zwecke des Austausches von Zärtlichkeiten aufgefasst haben könnte, kam mir zwar in den Sinn, wurde aber schnell wieder als abwegig verworfen. Tatsächlich zinkte mich die Pfeife beim Ordnungsamt an, das mir auferlegte, binnen einer Woche meinen Gartenbewuchs gemäß der Straßen- und Wegeordnung ordentlich zurecht zu stutzen, damit alles seine Ordnung habe; und wenn nicht, setze es ein Ordnungsgeld. Denn Ordnung ist das halbe Leben; lerne Ordnung, übe sie; Ordnung spart dir Zeit und Müh‘!

Um diese dörfliche Episode noch ein wenig aufzublasen, könnte ich mir nun eine juristische Auseinandersetzung aus den Fingern saugen, die aber auch nur dazu geführt hätte, dass ich zur Säge greifen musste. Immerhin konnte ich den Kackeknecht  noch etwas ärgern, indem ich bei der Behörde, unter Vortäuschung eines Hexenschusses, eine Fristverlängerung erwirkte. Seitdem guckt er mich mit dem Arsch nicht mehr an, was ich begrüße und vielleicht auch daran liegt, dass inzwischen alle Nachbarn wissen, welcher Banause schuld daran ist, dass ich meinen schönen Flieder habe verstümmeln müssen.

Auseinandersetzungen auf dem Dorf verlaufen selten spektakulär, aber wann immer der Mond am Himmel steht, wird jeder Platz in der Gemeinde, auf den sein blasser Schein fällt zu einem stark frequentierten Ort der Begegnung.

(Andreas Scheffler, Mai 2020)

Andreas Scheffler: Im Mondschein

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