Amazon hat mir vor ein paar Tagen die Filme „Der unglaubliche Hulk“, „Resident Evil“ und die „Iron-Man-Trilogy“ als Vatertags-Angebot offeriert. Wenn sie noch ein Schnäppchen für Dosenbier und Kräuterlikör draufgelegt hätten, wäre ich womöglich drauf eingestiegen, auch wenn ich den Eisenmann und den grünen Wutbürger schon x-mal gesehen habe. Sich mit ein, zwei Kumpels und reichlich Alkohol vor die Kiste zu hocken, kann man als Schlechtwettervariante des traditionellen Herrentags durchaus in Betracht ziehen. Lustige Fahrradtouren sind schon lange nicht mehr mein Ding.

Als ich noch Kind war, wurden an jedem Vatertag, entweder vom Bürgerverein oder vom Kirchenchor, in denen meine Eltern Mitglied waren, sogenannte „Pättkesfahrten“ veranstaltet. Das waren nichts anderes als gemeinschaftliche Radtouren auf unbefestigten Wegen. Als Höhepunkt hielt man an dem Gehöft eines der Beteiligten, grillte, sang Volkslieder, sprach dem Alkohol zu und lachte sich zwischendurch kaputt. Ich habe an diese Nachmittage nur vage Erinnerungen. Eingeprägt haben sich mir aber noch die zahlreichen Halte, wenn ein Radler auf einem der Feldwege einen Platten hatte (und der Reifen unter launigen Kommentaren der Umstehenden geflickt werden musste) und wenn auf dem Rückweg jemand besoffen vom Fahrrad fiel. Einmal musste jemand eine Telefonzelle suchen, um ein Auto zu rufen, welches einen vom Schnaps Gefällten nach Hause chauffierte. Mich erschreckte das damals nicht. Das war der Vatertag; Alkoholleichen gehörten zur Folklore.

Als Jugendlicher habe ich diesen Brauch einmal aufgegriffen und mit drei Freunden ebenfalls einen Fahrradausflug zu Christi Himmelfahrt unternommen; mit Bollerwagen, wie es sich gehört. Wir, Holger, Christian, Dirk, genannt Prengel, und ich luden einen Kasten Bier in einen Fahrradanhänger, dazu eine Flasche „Echter Gütersloher“ und ein Pulle „Berentzen Appel“, fuhren in den Rhedaer Forst und gaben uns dort gemächlich aber konsequent die Kante. Holger der Ruhige, Chris, unser Sonnenschein, Prengel, der Proll und ich der gerade angefangen hatte, Gedichte zu schreiben. Gesungen haben wir nicht, aber vermutlich, aus heutiger Warte, ziemlich dummes Zeug geredet, aus damaliger Sicht unheimlich komischen Blödkram. Dann haben Chris und Prengel mal eben hinter eine Fichte gekotzt und Chris dabei, mit kurzen Pausen, gelacht, als wäre es das Lustigste auf der Welt  Anschließend haben wir alle eine ganze Weile vor uns hin gedöst, bis wir wieder halbwegs Radfahren konnten. Gegen Abend kamen wir, noch beduselt, zu Hause an und gingen schnell schlafen. Der Vatertag war, neben dem Rosenmontag, ein Datum, an dem unsere Eltern solche Zustände tolerierten. Man war zwar knüppelhackedick, aber auch in der Natur gewesen, hatte beim Radeln etwas für die Gesundheit getan; und Karneval war sowieso eine einzige Ausnahme. Der Vatertag war ein Urlaubstag. Ein Urlaub in Albernheit.

Die ganze Zeit über lernte ich von den Erwachsenen: Saufen ist schon eine schlimme Sache. Außer es gibt einen Anlass. Und sich einen Anlass zu basteln, ist eine der leichtesten Übungen überhaupt. Mein Vater hat nie grundlos einen getrunken. Aber wenn ein Nachbar vorbeikam, war das schon ein Argument. Nachdem der gegangen war, wurde die Flasche wieder weggestellt. Das ist die Kunst.

Den diesjährigen Herrentagsnachmittag verbringe ich am Schreibtisch. Am Abend läuft Fußball im Fernsehn. Mein Bruder lebt im Ruhrgebiet. Er wird im Borussia-Trikot vor der Kiste sitzen und bei jedem Tor für Dortmund einen Schnaps trinken. Es wird ihn viele Nerven kosten, aber ich bin sicher:  Insgeheim wünscht er sich ein Elfmeterschießen. – Ich will eigentlich nur ein schönes Spiel sehen. Sag ich mal.

 

(C) Andreas Scheffler, Mai 2021

Andreas Scheffler: In diesem Sinne – der Herrentag

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