Seit einer guten Stunde sitzen Herbert und ich auf unserer Terrasse, jeder mit seinem Getränk, und bis auf einige kurze Anmerkungen wie „Schön ruhig heute“ oder „Ach, eigentlich haben wir es schon gut“, schweigen wir. Herbert ist bei seinem zweiten Bier, ich genieße einen feinherben Riesling, und wir freuen uns über die nachdenkliche Stille, die in diesem Moment von keinem Rasenmäher, nicht von schwatzenden Spaziergängern oder aufbrausenden Fahrzeuggeräuschen gestört wird.

„Das ist es, was eine Männerfreundschaft ausmacht“, denke ich, „dass man auch mal gemeinsam schweigen kann.“

In diesem Moment dreht sich Herbert in meine Richtung und sagt: „Ich hab mir ’ne neue Matratze gekauft. Hat ’n Vermögen gekostet. Aber Qualität hat halt ihren Preis.“

Ich erinnere mich sofort an den Werbespot, in dem zwei junge Männer in Freizeitkleidung in einem sonst leeren Raum auf Matratzen herumlümmeln und sich neckisch darüber streiten, wie viel Geld man für eine gute Schlafunterlage ausgeben muss. Beim Wiedererkennen muss ich kurz lächeln, aber auf der Stelle befällt mich auch ein bohrender Ärger über diese nervtötende Reklame.

„Herbert, du hast dir doch nicht wirklich …“

„Neenee, neenee. – Ach Mist!”, sagt mein Kumpel. „Ich krieg diese blöde Werbung einfach nicht aus dem Kopf! Dieser kleine Wichtigtuer!“

„Ja, genau: Häschen Wichtig, ganz schlimm“ sage ich, „aber der Klugscheißer mit der preiswerten Matratze ist auch nicht besser.“

„Ja, schrecklich! Das läuft jetzt schon seit Jahren! Muss wahnsinnig erfolgreich sein. Man kann  nur noch staunen, wie bekloppt die Leute sind!“

„Ist schon schlimm, was man sich so alles merkt. Aber man will ja auch nicht ständig den Ton ausschalten, wenn plötzlich so‘n Scheiß im Fernsehn kommt.“

Herbert beugt sich zu mir rüber, was bei unserem Sitzabstand gar nicht einfach ist, und raunt, als würde er mir ein Geheimnis verraten: „Der Ernst vom Anglerverein hat ja im letzten Jahr damit angegeben, er hätte jetzt seinen Fernseher abgeschafft, weil er nicht verblöden will. Er würde seine Informationen jetzt nur noch übers Internet beziehen. Hast du mal’n Schnaps da?“

Ich hole Herbert eine Flasche Obstler aus dem Vorratsraum und stelle ein Pinnchen dazu. Herbert schenkt sich ein, trinkt den Kurzen auf Ex und fährt fort: „Danach kam er ständig mit neuen Verschwörungstheorien an. Von dem hatte Hotte auch das Gerücht mit dem Pangasius in der Spree, der unsere heimischen Fische verdrängen würde. Alles Blödsinn. Dann kam er noch mit Echsenmenschen an und Nazis am Südpol.“

„Am Südpol wohnt doch schon der Weihnachtsmann“, werfe ich scherzhaft ein.

„Ja, eben“, sagt Herbert bierernst und kippt noch einen Obstler. „Aber Corona hat der auch nicht vorhergesehen. Da kannste jeden fragen. Und vor drei Tagen treffe ich ihn vor Aldi, da sagt der mir, er hätte das alles schon vorher gewusst. Und dass sie den Kalbitz aus der AfD geschmissen hätten, wäre ein Skandal. Und außerdem würde das alles zusammenhängen. Der hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank!“

„Jetzt mal ehrlich, Herbert“, sage ich, „was willst du eigentlich noch im Anglerverein, wenn da solche Pfeifen drin sind?“

„Angeln“, sagt Herbert und gießt sich noch einen Schnaps ein. Bevor er ihn  runterkippt, kommt ihm noch ein Gedanke: „Kannst du noch ins Bett gehen, ohne an diese Matratzenwerbung zu denken?“

Ich überlege: „Ja, eigentlich schon. So gut wie immer, würde ich sagen.“

„Na, dann isses ja gut“, sagt Herbert und trinkt seinen Klaren, wie gewohnt, auf Ex.

(Andreas Scheffler, Mai 2020)

Andreas Scheffler: Neenee, neenee

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Close It