Der einzige Autor, dessen Geburtsdatum ich im Gedächtnis bewahre, abgesehen von denen, die ich persönlich kenne, ist Franz Kafka. Wie ein lieber Cousin, den man als junger Mensch noch gelegentlich traf, mit dem man sich austauschte, zusammen lachte oder traurig war, der nun aber weit entfernt sein Leben lebt; an den man selten, aber wenn, dann mit Freude und Zuneigung denkt, taucht der Franz immer mal wieder für ein paar Momente in mein Bewusstsein. Und selbstverständlich trinke ich an seinem Geburtstag ein Glas auf sein Wohl – egal, ob es ein runder ist oder nicht. Am dritten Juli jährt sich sein Wiegenfest zum 137. Mal; das Glas ihm zu Ehren leere ich seit 34 Jahren.

Aus meiner Schulzeit habe ich vieles vergessen, manches gewiss positiv verklärt, doch stets in romantischer Erinnerung werde ich den Leistungskurs Deutsch 2 bei Horst Depping behalten. Wir waren zu zwölft, wir hielten große Stücke auf uns, und zusammen waren wir unübertrefflich. In der zweiten Hälfte des zwölften Schuljahres beschäftigten wir uns fast ausschließlich mit Franz Kafka, von dem wir im Vorhinein allenfalls eine Ahnung hatten durch das, was wir hier und da aufgeschnappt hatten. Das Vorurteil wies ihn als kaum verständlichen Spinner aus. Wir gingen der Sache auf den Grund, indem wir absolut alles von ihm lasen – seinen berühmtesten Roman „Der Prozess“, den Brief an den Vater, der zugleich eine Anklageschrift und ein Flehen um Aufmerksamkeit ist sowie einige Erzählungen gemeinsam, alles andere – Briefe und Tagebücher inklusive – arbeitsteilig mit anschließender Vorstellung im Kurs. Wir lernten den Menschen so gut kennen, wie wir konnten, und schon bald wurde Kafka für uns zu Franz, während der Deutsch Leistungskurs zu einem exklusiven Club guter Freundinnen und Freunde wurde. So verschieden wir auch waren, einte uns doch die Person des Schriftstellers, dem gegenüber wir Zuneigung, Mitgefühl und Loyalität empfanden. Und warum auch nicht? Franz Leben war geprägt von einem übermächtigen Vater, von mehreren gescheiterten Liebesversuchen, von einem ungeklärten Verhältnis zum Glauben, einem kreativen Drang, den nur wenige ernst nahmen, letztendlich von seinem verzweifelten Bemühen, ein richtiges Leben im falschen zu führen. – Alles aufwühlende Themen, die auch uns in dem pubertären Schwanken zwischen Melancholie und Begeisterung sehr wohl vertraut waren. Indem wir den Menschen verstanden, konnten wir auch seine Geschichten begreifen: Das Parabelhafte, die teils sehr drastischen Schilderungen des Ausgeliefertseins und der Machtlosigkeit, aber auch die präzisen Beobachtungen des Alltäglichen, oft mit einem leisen humoristischen Einschlag.

An einem Wochenende fuhren wir zusammen in ein nahes Schullandheim und planten einen Franz-Kafka-Film, der allen nachfolgenden Schülerinnen und Schülern helfen sollte, den Autor und Menschen zu verstehen. Wir wohnten, arbeiteten, kochten und feierten miteinander. Wir verstanden uns, und spätestens seit diesen gemeinsamen Tagen pflegten wir eine feine, selbstironische Arroganz, die von den Einfaltspinseln der naturwissenschaftlichen LKs freilich als pure Überheblichkeit wahrgenommen wurde. Dass uns Horst Depping wenig später das Prädikat „Hochleistungskurs“ verlieh, tat sein Übriges.

Am 30. Juni 1986 traten wir unsere Studienreise an – selbstverständlich nach Prag, wo wir an ausgesuchten Orten mit hochmodernem Equipment der Schule Filmaufnahmen vornahmen, welche die von uns erwählten Texte von Franz unterlegen sollten. Dass sein Geburtstag am 3. Juli in diesen Zeitraum fiel, war Zufall, aber an diesem Tag stießen wir zum ersten Mal auf das Wohl unseres faszinierenden Freundes an.

Der Film „Franz K. – Aneignungen“ fand später jede Menge Anerkennung. Ein noch größerer Erfolg wurde jedoch der abendfüllende Streifen „Die De Pings – aus dem Leben einer Dynastie“, in dem wir Serien wie „Dallas“ oder „Denver Clan“ parodierten. Dort drehte sich alles um das Gütersloher Verlagshaus De Ping, welches die alleinigen Rechte auf den Vertrieb von Werken des legendären Franz Kafka besitzt. Wir spielten die Hauptrollen, etliche Lehrerinnen und Lehrer hatten Gastauftritte, und in der großen Ballszene, die wir in der Stadthalle drehten, war die gesamte Jahrgangstufe dabei. Nach der Premiere im Studio des Evangelisch Stiftischen Gymnasiums schwebte unser HLK D2 ein wenig über den Dingen, und der Weg zum Abitur war – zumindest was den Deutschunterricht anging – ein Spaziergang.

Danke, Franz. Und: „Prost!“

 

(Andreas Scheffler, Juni 2020)

Andreas Scheffler: Prost, Franz!

Beitragsnavigation


Ein Gedanke zu „Andreas Scheffler: Prost, Franz!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Close It