Im Jahre 1991 schrieb ich eine kleine Geschichte, in welcher der Werbeaufsteller einer Fleischerei, der, wie auch heute noch weit verbreitet, die Form eines lachenden Schweines hatte, das sich selbst zum Verzehr anbot, des Nachts zum Leben erwachte und auf gar schreckliche Weise sein an Wahnsinn grenzendes Bedürfnis nach Rache befriedigte. Ich schilderte mit viel Feingefühl, wie das geisterhafte Wesen irre kichernd mit dem Schlachtermesser in der Pfote ein Blutbad anrichtete, das in den Splatterfilmen der 80er Jahre seinesgleichen suchte. Was das Schwein derartig rasend machte, war aber weniger seine Rolle als Schlachtvieh, sondern der Umstand, dass dem Verbraucher weisgemacht werden sollte, es würde dem Tier auch noch Freude bereiten, zerhackt und aufgegessen zu werden; und zwar so sehr, dass es dafür sogar noch fröhlich Werbung machte.

An diese Geschichte muss ich denken, seit die Zustände in dem industriellen Schlachtbetrieb Tönnies in Rheda-Wiedenbrück im Kreis Gütersloh, meinem Heimatort, bekannt wurden. Vom Dach der Fabrik schauen eine Sau, eine Kuh und ein Rind lustig grinsend ins Land. Auf seiner Website formuliert das Unternehmen den eigenen Anspruch so: Gesunde und genussvolle Ernährung. Nachhaltige Tierhaltung. Verantwortungsvolle Produktion.

Dass die dort massenhaft aufgetretenen Fälle von Corona auf einen Rachefluch der Schweine zurückzuführen sind, ist nicht anzunehmen. Aber man kann es sich zumindest wünschen, – mit dem Zusatz natürlich, dass auch die Firmenleitung ihren Teil der Viren, der, gemessen am Profit, ein beträchtlicher sein dürfte, abbekommen möge.

(Andreas Scheffler, Juni 2020)

Andreas Scheffler: Schwein sein

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