Diese Geschichte spielt im August 2019, und ich habe sie im Monat darauf an drei Sonntagen vorgelesen. Aber – wie soll ich’s sagen? – Ich finde, sie ist zu gut für nur drei mal vorlesen …

Ich weiß nicht, ob man wirklich sagen kann, es wäre Herberts Idee gewesen. Jedenfalls saßen er, Sabine und ich an einem lauen Sommerabend auf unserer Terrasse beisammen und unterhielten uns über Musik, die wir gehört hatten, als wir noch richtig jung waren. Von der Stereoanlage klang leise Bruce Hornsby and the Range aus dem Wohnzimmer. Normalerweise lege ich keine CD auf, wenn wir Besuch haben, denn Hintergrundmusik beim gemütlichen Feierabendgequatsche läuft eigentlich nur deshalb, damit man sich während der Sprechpausen nicht langweilt. Aber an jenem Tag hatte ich schon den ganzen Tag über die Melodie von „Just the way it is“ im Kopf. Der Titel lief 1986/87 im Radio rauf und runter. „But don’t you believe them.“ – „Aber glaub ihnen kein Wort!“ Und dann zog ich von zu Hause aus.

Die Musik machte mir gute Laune, und auf einmal, vielleicht war ihm langweilig, vielleicht wollte er einfach nur einen Witz machen, auf jeden Fall fragte Herbert wie aus dem Nichts: „Wenn ihr zu dieser Ü-50-Party nach Tornow fahrt, nehmt ihr mich mit?“

Wir hatten die Plakate, die überall im Schenkenländchen aufgestellt waren, ganz beiläufig wahrgenommen und vielleicht kurz gedacht: „Guck mal an, jetzt fährt der Uli in Tornow auch auf dieser Partyschiene mit.“ Aber wir hatten nicht im Traum daran gedacht, dorthin zu gehen.

Jetzt stehen wir ein wenig verloren im Eingangsbereich der Gaststätte „Zur Linde“, die eigentlich eine Kneipe mit Biergarten und einem kaum genutzten Festsaal ist, und ich überlege, ob ich zum Nachweis meines fortgeschrittenen Alters irgendwelche Ausweispapiere vorlegen muss. Die Sorge erweist sich als unbegründet, zumal mein Freund Herbert von Uli, dem Wirt, wie ein alter Kumpel begrüßt wird: „Na, Herbert, biste auf Brautschau oder willste nur nicht alleine trinken?“

„Beides! Beides!“, brüllt dieser jovial zurück und wirft mir einen Blick zu, der wohl bedeuten soll, dass das nur ein Scherz gewesen sei. Aber ich ahne schon, dass genau das der Zweck dieses Abends ist: Gemeinsam saufen und mal gucken, was sich so ergibt.

Wie um meine Einschätzung zu bestätigen kippt sich Herbert einen Klaren in den Hals und schiebt anschließend Sabine und mich vor sich her in den Festsaal. Das Licht ist halbdunkel, an den Wänden hängen Girlanden, und an den Seiten sind unterschiedlich große Ständer mit Scheinwerfern verteilt, die farbiges Licht auf die Tanzfläche in der Mitte werfen. Im Zentrum des Saales hängt eine große Discokugel an der Decke und lässt helle Lichtpunkte über die Achtertische, die rechts, links und am Kopfende aufgestellt sind, in hypnotisierender Geschwindigkeit kreisen. An der möbelfreien Seite ist ein langer Tisch mit einer elektronischen Installation aufgebaut. Aus den sehr großen Boxen erklingt „Der Junge mit der Mundharmonika“. – „Bernd Clüver“, denke ich, „auch schon tot.“

Der Saal ist etwa zur Hälfte gefüllt. Wir sehen uns um.

„Da sind Kalle und Uschi!“, schreit Herbert mit einem Mal und drängt auf einen Tisch Mitte rechts zu. „Kalle ist mit mir im Anglerverein“, werde ich über ihr Verhältnis aufgeklärt. „Aber die sind doch noch keine fünfzig“, raunt mir mein Kumpel zu.

„Ihr seid doch noch keine fünfzig!“, begrüßt Herbert die Betrüger und schlägt dem verdutzten Kalle leidenschaftlich seine flache Hand auf’s Kreuz. Es ist offenbar beschlossene Sache, dass wir uns zu den beiden an den Tisch setzen. Sabine und ich begrüßen die zwei und werden darüber informiert, dass Kalle und Uschi erst 47 und schon seit der Schule ein Paar sind. Ich sage lustig, dass ich es schon keinem verraten werde. Dass ich dabei nur deshalb so dämlich grinse, weil beide auch problemlos bei einer Ü-60-Party auflaufen könnten, kann keiner wissen außer Sabine, die mich schon seit fast dreißig Jahren kennt. Die Musikanlage beschallt uns derweil mit „Du kannst nicht immer siebzehn sein“. – Chris Roberts, auch schon seit ein paar Jahren tot.

Nach und nach füllt sich der große Raum. An unserem Tisch haben in der Zwischenzeit drei miteinander befreundete Frauen Platz genommen, die nach eigener Aussage heute „Urlaub von ihren Männern“ machen und Sekt in sich hineingießen, als wäre es Wasser. Sabine hat sich eine Flasche lieblichen Rosé kommen lassen, Herbert trinkt Bier und verschwindet in unregelmäßigen Abständen auf dem Klo, um mit jedem Mal ein wenig betrunkener zurückzukommen. Ich muss fahren.

Während um mich herum der Alkohol- und der Stimmungspegel steigen, kommt mir das alles immer trostloser vor. Ü 50 – was für ein Jammertal! Die Fünfziger sind das Alter der Verzweiflung, sie sind das Alter, in dem man jetzt aber wirklich, in echt und ohne jedes Gedödel endlich einsehen muss, dass mindestens die Hälfte des Lebens vorbei ist. Und wenn es nur die Hälfte ist, dann hat man entweder nicht intensiv gelebt oder ein Riesenschwein. So sieht’s doch aus!

Die Unterhaltung mit Kalle und Uschi will nicht recht in Gang kommen. Ich hatte bereits zu Beginn unserer Tischgemeinschaft darum gebeten, dass wir das Thema Politik für den heutigen Abend aussparen, worauf Kalle erklärte, dass er mit Politik eh nix am Hut habe. Es müsse nur mal einer die Sache in die Hand nehmen. Bevor ich etwas erwidern konnte, begann Uschi zu erzählen, was für ein Wahnsinnserlebnis es gewesen sei, als sie 2014 bei Mario Barth im Olympiastadium gewesen seien. Was soll man dazu sagen? Ich halte ja sehr viel davon, Dinge auch mal aus der Perspektive eines anderen zu betrachten, aber es fällt mir sehr schwer, ja, es ist mir geradezu unmöglich, mich in einen wirklich dummen Menschen hineinzuversetzen. Schon gar nicht nüchtern.

Während Robin Gibb, der auch schon nicht mehr unter uns weilt, leidenschaftlich seine Juliet anwinselt, wird erstmalig das Stroboskop eingesetzt. Die Menschen auf der Tanzfläche erscheinen mir wie eine Herde Zombies mit einem Elektroschocker im Hintern. Der Raum ist erfüllt mit lauter Musik, bummernden Bässen, Gläsergeklirr, schrillem Gekicher, Lichtblitzen und dem Klangteppich vielgesichtiger Stimmen. Am Nebentisch versucht eine Frau, einem Mann ein lustiges Hütchen aufzusetzen, was dieser offenbar nicht will und sich hysterisch wehrt, bis die Frau seitlich auf die Tischplatte kracht und sämtliche Gläser und Flaschen herunterfegt. Doch auch dieser Vorfall verliert unter der audiovisuellen Wucht, die einen schier erdrückt, jegliche Relevanz.

Inzwischen heizt der vor geraumer Zeit gestorbene Drafi Deutscher den Tanzwilligen mit „Marmor, Stein und Eisen bricht“ ein, – dem Lieblingslied aller Klugscheißer. Herbert wird von den drei Freundinnen bereitwillig auf die Tanzfläche gezerrt. Und plötzlich nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Drafi hat mit „Doch wir sind uns treu“ seine letzten Takte gesungen, da tritt der Versucher, der Verführer, der Teufel auf den Plan: Der Roland, der Kaiser, die ewige Startnummer eins umgarnt die Halbalten, die noch eine ungefähre Vorstellung von hemmungsloser Leidenschaft haben:

„Kühler Abendwind fängt sich in deinen Haaren

Und du sagst: „Halt mich ganz fest in deinen Armen“

Und im Spiegel Deiner sehnsuchtsvollen Augen

Seh‘ ich die rote Sonne untergehen.

Deine Stimme flüstert zärtlich meinen Namen

Die Berührung deiner Hand setzt mich in Flammen

Und die Tür zu deinem Zimmer lässt du offen

Wie lange kann ich dir noch widerstehen?“

Paare wiegen sich im Discofox. Schmachtende Blicke werden geworfen. Gesichter versuchen sich im Ausdruck der Verruchtheit, Hände verirren sich in verbotene Regionen. Und mittendrin Herbert. Die drei Freundinnen tanzen abwechselnd mit ihm oder er mit ihnen? Es ist egal. Herbert ist im Himmel. Und dann schraubt sich der Chor orgiastisch dem Refrain entgegen:

„Manchmal möchte ich schon mit dir

Eine Nacht das Wort „Begehren“ buchstabieren.“

Oh ja, das würde Herbert gern. Aber er würde keinen einzigen Buchstaben rauskriegen. Ich sehe, dass er Unmengen Schweiß vergießt; ich meine, seine Augen im farbigen Licht zu sehen. Sie stieren beinahe leer von einer Strohwitwe zur anderen. Nur ein kleiner, aber mächtiger Teil seines Gehirns ist jetzt aktiv und der grunzt immer lauter: „Geschlechtsverkehr. Geschlechtsverkehr!“

„Manchmal möchte‘ ich so gern mit dir

Doch ich weiß, wir würden viel zu viel riskieren

Du verlierst den Mann, ich verlier‘ den Freund“

Herberts Gehirnrest hält kurz inne, doch dann sagt er sich: „Ich kenn deinen Mann gar nicht. Und einmal ist keinmal.“ Und da ist die Zweiflerstrophe auch schon vorüber, und Roland Kaiser, dieser geniale Fuchs, verspricht alles, was das brünftige Herz begehrt:

„Manchmal möchte ich schon mit dir

Diesen unerlaubten Weg zu Ende gehen

Manchmal möchte ich so gern mit dir

Hand in Hand ganz nah an einem Abgrund stehen

Wenn ich dich so seh‘

Vor mir seh‘“

Ich sehe nur Herbert vor mir, wie er in sein Unglück tanzt. Beim letzten Refrain wird die Tanzfläche in dunkelrotes Licht getaucht. Endlich, nach dem letzten Takt, presst mein Kumpel alle drei Frauen an sich und erhält tatsächlich von jeder einen Kuss auf den Mund. Damit ist er verloren, für die nächsten Wochen, wenn nicht Monate abgeschaltet von allem, was mit Vernunft zu tun hat. Der Discjockey, nicht blöd, legt gleich noch „Warum hast du nicht nein gesagt“ nach. Roland Kaiser im Duett mit der quicklebendigen Maite Kelly.

Sabine stupst mich von der Seite an und sagt: „Das war’s dann wohl wieder für ein Weilchen mit Herbert.“ Ich nicke und verabschiede mich auf eine Zigarette in die frische Luft. Während ich beobachte, wie ein volltrunkener dicker Mann versucht, auf sein Fahrrad zu steigen, kommt Herbert dazu, umarmt mich und bietet mir von seinem Flachmann an. Ich lehne ab und frage völlig sinnlos: „Herbert, ist das vernünftig?

Der Entflammte schlägt mir auf die Schulter und tönt: „Scheiß auf die Vernunft! Und außerdem ist es total vernünftig!“

„Was ist daran vernünftig, mit drei verheirateten Frauen was anfangen zu wollen?

Herbert grinst blöde und sieht mir verschwörerisch in die Augen: „Manchmal ist das Zauberwort. Verstehste? Keine Beziehung oder sowas. Nur manchmal. Ab und zu eben.“

Er nimmt noch einen Hieb aus seinem Flachmann und will wieder zurück ins Gasthaus gehen, da dreht er sich nochmal um.

„Wenn ihr nach Hause fahren wollt, macht ruhig. Braucht nicht auf mich zu warten. Ich komme hier schon unter.“

Ich beschließe, jetzt auch mal ein bisschen zu tanzen und überlege, ob ich Roland Kaiser einen Brief schreibe. Er wäre sicher stolz, wenn er wüsste, wie sorgfältig und mit germanistischer Akribie seine Texte analysiert werden.

Andreas Scheffler, August 2019

© Textpassagen „Manchmal möchte ich schon mit dir“: Songwriter: Edition / Intro / Joachim Heider / Ronald Keiler / Norbert Hammerschmidt / Meisel GmbH

Andreas Scheffler: Ü 50

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