Es ist rappelvoll in der Landarztpraxis in Halbe, denn seit ein paar Tagen wird hier gegen Corona geimpft. Mit Müh und Not können die anderthalb Meter Sicherheitsabstand eingehalten werden, weil immer wieder Laufkundschaft durch die Eingangstür drängt, um sich ein Rezept abzuholen oder einen Termin zu vereinbaren. Die Damen und der junge Herr an der Anmeldung sind zu bewundern. Routiniert regeln sie die Bedürfnisse der ungeduldigen Masse, während man selbst langsam, aber sicher auf dem Weg zu nachhaltiger körperlicher Unversehrtheit geleitet wird.

Ich habe meinen Fragebogen bereits zu Hause ausgefüllt, den Laufzettel mit vermerkter Ankunftszeit 10.15 Uhr erhalten und warte nun geduldig auf das Aufklärungsgespräch. Das Wartezimmer ist überfüllt. Ich nehme auf einem Stuhl neben dem Anmeldetresen Platz und hebe alles im Blick.

Die Gemeinde Halbe hatte bei den letzten Wahlen einen beträchtlichen Anteil an Stimmen für die AfD. So wundere ich mich nicht, als ein Mann Anfang sechzig mit einer Atemschutzmaske in den Farben der Reichskriegsflagge aufkreuzt, um ein Rezept in Auftrag zu geben. Immerhin trägt er überhaupt eine Maske, denke ich.

„Möchten sie auch einen Impftermin?“, fragt die medizinische Assistentin, nachdem sie das Rezept ausgestellt hat.

„Nein, das möchte ich nicht“, antwortet der Deutsch-Nationale.

„Und …“

„Und meine Frau will auch nicht geimpft werden.“

Damit ist alles gesagt. Weniger erfahrene Hilfskräfte hätten nun womöglich eine Diskussion angefangen über Risikoabwägungen, Ansteckungsgefahr und das Allgemeinwohl. Wäre ich vom Alter her noch Jungsozialist, hätte ich ihn vielleicht wegen seiner Maskenfarben zurechtgewiesen. Da wir, die Frau hinterm Tresen und ich,  aber eine hinreichende Gelassenheit entwickelt haben, können wir bei einem kurzen Blickkontakt einen übereinstimmenden Gedanken formulieren: Dann wollen wir mal zusehen, dass wir schnell alle impfen und nur noch die Idioten übrig bleiben.

„Man war ja schon froh, dass er nicht eine Tirade abgelassen hat“, sage ich am Nachmittag zu meinem Kumpel Herbert, der auf ein Bier zu mir auf die Terrasse gekommen ist.

„Na ja, das hat er wohl noch kapiert, dass er da in der Praxis auf verlorenem Posten gestanden hätte“, meint Herbert. „Aber lass man. Von solchen Typen gibt’s hier jede Menge.“

„Nehmen wir mal an“, greife ich den Gedanken auf, den die Arzthelferin und ich vermutlich gemeinsam hatten, „nehmen wir mal an, alle Vernünftigen sind geimpft und immun und nur noch die Trottel übrig. Dann wären irgendwann nur noch Impfgegner in den Krankenhäusern. Das heißt, es gäbe auch nur noch Todesfälle unter den Querdenkern. Brrr.“ Innerlich durchzieht mich ein gruseliger Schauer, und mich schüttelt es.

„Ist dir kalt?“, fragt mein Freund besorgt.

„Nee“, sage ich, „ich musste nur gerade an Darwin denken. Nur eben nicht Survival oft he fittest sondern Survival oft he smartest.“

„Das hat ja auch was für sich“, meint Herbert, und ich muss widersprechen.

„Ja, aber eigentlich sollten wir über diesen Sozialdarwinismus hinaus sein. Die meisten können ja gar nichts dafür, dass sie ungebildet sind. Arm Sein heißt oft immer noch schlechtere Schulausbildung.“

„Trotzdem. Wenn ein Trottel ohne Maske herumläuft und dich ansteckt, ist er ein Arsch. Von Tuten und Blasen keine Ahnung zu haben, ist keine Entschuldigung.“

Sofort muss ich an Thomas Mann denken, der in einem Roman über die Laxheit des Mitleidsatzes Alles Verstehen heißt alles Verzeihen klagte.

Ich sage: „Du hast schon Recht. Aber man muss den Deppen ja nicht den Tod wünschen.“

„Tu ich ja nicht!“ Herbert ist etwas aufgebracht. „ Aber wenn sie sich nicht schützen und in Massen zusammen herumhängen, dann sind sie selbst schuld, wenn sie sich anstecken. Und jetzt sei mal ehrlich: Dir wäre es doch auch lieber, die Nazis lägen im Krankenhaus, als dass sie am 1. Mai in Halbe mit ihren Fahnen am Soldatenfriedhof aufmarschieren würden.“

„Ja, natürlich. Nur …“

„Nur was?“

„Das arme Pflegepersonal.“

„Ja, die sind arm dran. Dann hol uns mal ne Flasche Sekt.“

„Sekt? – Wieso?“

„Wir trinken jetzt ein Glas Sekt auf alle, die im Krankenhaus  und in den Pflegeheimen arbeiten. Mehr können wir beide im Moment nicht tun.“

„Machen wir“, sage ich und hole uns eine Flasche  Rotkäppchen aus dem Hauswirtschaftsraum.

„Und dann trinken wir noch auf deine erste Impfung. – Mensch, alter Freund, da ist Licht am Horizont!“ Wenn mein Kumpel in Metaphern redet, dann ist er wirklich in gehobener Stimmung.

Wenn das so ist, denke ich, dann prost!

(C) Andreas Scheffler, April 2021

 

 

 

Andreas Scheffler: Und immer ein Tropfen Wermut

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