Manchmal bleiben sorgfältige und detaillierte Notizen lange liegen, bis eine besondere Stimmung danach ruft, sich ihrer anzunehmen. So wie heute, wo ich den Eindruck nicht loswerde, dass sich eine allgemeine Unachtsamkeit im politischen Reden und Handeln breitmacht und wo ich mich – mit Verlaub – am Ende meiner Geschichte einer moralisierenden Attitüde nicht ganz enthalten kann.

– Es begab sich im Spätherbst des vergangenen Jahres, als ich wegen einer ambulanten Untersuchung das Universitätsklinikum Jena aufsuchen musste. Die Tests waren nach ein paar Stunden zur allgemeinen Zufriedenheit abgeschlossen, und ich wollte, bevor ich die Nachhausefahrt antrat, noch ein wenig ausruhen. Dabei gerate ich in die folgende Szene:

Der dicke alte Mann in Jogginghosen hat unter allerlei Geächze auf einer der beiden Bänke im Raucherbereich des Krankenhauses Platz genommen, unter Missachtung der allgemein gültigen Etikette erstmal kräftig einen fahren gelassen, seinen mit einer braunen Flüssigkeit zur Hälfte gefüllten Sekretbeutel auf dem linken Oberschenkel abgelegt und schimpft: „Alles, was nach’m Krieg, äh, nach der Wende gekommen ist, kannste weghauen. Alles weg damit! Hat uns nur Unglück gebracht!“ – Ich staune. Wäre diese medizinische Einrichtung, in der wir uns gerade befinden, heute noch auf dem Stand von vor 1989, wäre dieser nörgelnde alte Knacker möglicherweise schon tot. So gesehen, kann man geneigt sein, tatsächlich von einem Unglück zu sprechen, zumal er den Fall der Mauer um ein Haar mit dem letzten Weltkrieg verwechselt hätte.

Seine Augen, die mit dicken Tränensäcken unterlegt sind, blicken glasig geradeaus, die dünnen, nach hinten gekämmten, grauen Haare verdecken seine vorherrschende Glatze nur notdürftig, und der auffällige Gelbstich seiner faltigen Gesichtshaut deutet auf einen schweren Leberschaden hin. Im Widerspruch zu seiner defätistischen Einleitung erzählt er nun recht fidel, wie er einst bei seiner Versicherung einen Coup gelandet habe:

Mitte der Neunziger habe er sich seine Lieblingsjacke im Gartenschuppen an einem Nagel aufgerissen. Das habe ihn sehr geärgert, weil es wirklich ein sehr schönes, wenn auch preiswert erworbenes Kleidungsstück gewesen sei. „Ein Kollege hat mir dann den Rat gegeben, bei der Versicherung anzugeben, die Jacke wäre auf der Arbeit kaputt gegangen. Die haben’s gefressen, und ich hab 350 Mark dafür gekriegt. Die alte Jacke hab ich dann beim Fidschi für’n Zehner flicken lassen. Den Riss hat man kaum noch gesehen.“ Er ist offenbar dermaßen von sich selbst begeistert, dass er plötzlich von einem kurzen, aber furiosen Hustenanfall gebeutelt wird. „Ich hab mir nur geholt, was mir zusteht“, beendet er röchelnd seine Geschichte und schickt angesichts des Husarenstreichs, der ihm da gelungen war, ein heiseres Lachen in die Runde.

Ohne die despektierliche Bezeichnung für den Vietnamesen und das anmaßende Schlusswort, hätte ich seinen Versicherungsbetrug vermutlich unter „Bagatelldelikt“ abgehakt. So aber fühle ich, wie Groll in mir aufsteigt. Ich schaue auf und werfe einen forschenden Blick über das Karree zu den anderen Raucherinnen und Rauchern. Die meisten scheinen unbeeindruckt. Zwei lächeln, einer murmelt: „Richtich so.“

Diesmal bin ich nicht verwundert. Schließlich empfinden die meisten Menschen das Finanzamt als ihren allergrößten Feind, der ihnen den letzten Cent aus der Tasche ziehen will. Nur so konnte das Buch „1000 ganz legale Steuertricks“ des mehrfach verurteilten Irren Franz Konz über fünf Millionen Mal verkauft werden. Und nur deshalb verbringen Jahr für Jahr unzählige Menschen Lebenszeit damit, mühsam zusammenzuklauben, was sie denn alles von der Steuer absetzen könnten.

Nun ist die Raucherecke eines Krankenhauses kein Ort großer positiver Gefühle. Die vorherrschenden Emotionen sind Fatalismus und Ärger; die Fügung in das Schicksal, die auch den hinfälligsten Lungenkranken noch eine Zigarette nach der anderen konsumieren lässt und der Unmut, weil man immer davon ausgegangen war, ein gesetzmäßiges Recht auf Gaesundheit zu haben.

Der leberkranke Kleinkriminelle jedenfalls ist mit dem Grad der Anerkennung, den er bis jetzt bei den Umsitzenden ernten konnte noch nicht zufrieden. Er zündet sich eine Kippe an, nimmt zwei Züge, hustet ein paar Mal und zieht dann detailliert vom Leder, wie er Firmeneigentum veruntreut und zu Geld gemacht habe und im Laufe der Jahre mit Schwarzarbeit zu einigem Wohlstand gekommen sei. Dabei lässt er durchblicken, dass er jeden, der ordnungsgemäß seine Steuern zahlt, für einen Volltrottel und Versager hält. Bei einigen kann er damit punkten. Zu Wort meldet sich aber allein ein junger Mann vom Bundesfreiwilligendienst. „Wenn de jetzt auch noch A Eff De wählst, haste gute Chancen auf das Arschloch des Monats“, sagt er und drückt seine Zigarette im Ascher aus. – „Nee“, triumphiert der Betrüger, „ich bin durch und durch liberal! Liberal, verstehste?“

Wenige Monate später wurde der FDP-Politiker Thomas Kemmerich mit den Stimmen der Faschisten, der CDU und der „Liberalen“ zum Ministerpräsidenten von Thüringen gewählt.

 – Sowas passiert, wenn mit den Institutionen und den Instrumenten der Demokratie nicht vorsichtig umgegangen wird. Sowas geschieht aus einer Mentalität des selbstgerechten Mauschelns und Mogelns heraus. Der Unsympath aus der soeben erzählten Geschichte wird begeistert gewesen sein. Wenn er das Ereignis noch erlebt hat.

 

(Andreas Scheffler, Mai 2020)

Andreas Scheffler: Was einem so zusteht

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