„Essen ist der Sex des Alters.“
Als ich den Satz das erste Mal gelesen habe – in irgendeinem Geschenkeshop auf einem Stullenbrett, in dieser seltsamen Zeit als Stullenbretter furchtbar in waren, und keiner so recht wußte warum, als alle Läden plötzlich voll waren mit Stullenbrettern, Stullenbrettern mit Sprüchen und Motiven, endlich hatten wir die Diddl-Mäuse durch, nun schenkte sich alle Welt Stullenbretter, und da liegen sie nun, im Schrank, zusammen mit dem lustigen Kochbuch und der Sanddornmarmelade, kein Schwein benutzt sie, aber man weiß, dass sie zu teuer waren um sie einfach wegzuschmeißen und irgendjemand hat sich ja bestimmt was dabei gedacht, hatte es gut gemeint, irgendwie, und er war ja auch kurz lustig, dieser Spruch über diese Kalorien, die nachts die Kleidung enger nähen, oder der andere über Schokolade, „Schokolade fragt nicht, Schokolade versteht“ steht auf dem Stullenbrett, aber ganz ehrlich, warum steht ein Satz über Schokolade auf einem Stullenbrett?! Und warum schenkt mir jemand, der findet, dass der Satz stimmt, ein Stullenbrett? UND NICHT EINFACH EINE VERDAMMTE TAFEL SCHOKOLADE?!

„Essen ist der Sex des Alters“, las ich jedenfalls vor ein paar Jahren in einem Laden auf einem Stullenbrett. Und damals fand ich das noch sehr lustig.
Heute allerdings, wo wir an der 50 entlang schrammen und der Corona-Alltag sein Übriges tut, schwant mir – das war kein Scherz.

Morbus Homeoffice.

Viele Leute entwickeln ja so ihre Kompensationstechniken, ich selbst habe in den vergangenen Wochen so meine Erfahrungen mit Meditations-Apps und Sauerteig gemacht.

Und der Mann? Der Mann kocht neuerdings.

Er hat schon früher öfter gekocht, recht gut sogar, aber neuerdings tut er es mit einer Hingabe, die verblüffend, zuweilen ein wenig beängstigend, immer aber beeindruckend ist.
Niemand sollte dann die Küche betreten.
Man hätte auch gar keinen Platz, denn Ugh, er kocht, die Küche ist sein, er füllt gefühlt jeden Millimeter aus, hat einen wilden Blick, große Messer in der Hand und alles in allem eine Ausstrahlung wie ein neuseeländischer Rugbyspieler beim Haka.
Auch die Gerichte, die er dabei kocht, erwecken optisch leider immer öfter den Eindruck einer rituellen Opfergabe: man ahnt beim Blick auf den Teller, dass da irgendwas eines sehr gewaltsamen Todes gestorben ist. Also, auch das Gemüse.

Gestern Abend zum Beispiel hat er feinstes Bio-Fleisch geopfert. Wir hätten alles für eine richtig schöne Champignon-Sahne-Sauce da gehabt, aber nein. Er hat es in einer Art selbstgebrauter Marinade eingelegt, die er sich selber ausgedacht hat, und deren wesentliche Bestandteile Ananas, Kiwi, Rotkohl, Chili und Knoblauch waren. Macht mal kurz die Augen zu und stellt Euch vor, wie das in etwa schmeckt. Ich wiederhole: Ananas, Kiwi, Rotkohl, Chili und Knoblauch. Habt Ihr´s? Genau. Genau so hat es dann auch geschmeckt. Nur noch ein bisschen schlimmer. Es half, wenn man nicht hinguckte, aber auch nicht lange.
Leute, ganz ehrlich – wenn das der Sex des Alters ist… dann ist Zölibat eine Option.

Was mich ein bisschen beruhigt: Ich glaube, es hat ihm auch nicht geschmeckt.
„Ich freue mich drauf, endlich mal wieder Essen zu gehen“ schrieb er vorhin auf Facebook im Zusammenhang mit der in Aussicht gestellten Wiedereröffnung der Berliner Gastronomie.
„Ich auch“ habe ich mal ganz vorsichtig in die Kommentare geschrieben. Mal sehen, wie er das nimmt.

Ach, ich sehe uns schon da sitzen, an einem lauen Sommerabend im Hinterhof unseres Lieblings-Italieners. Ich werde genießen, was das Zeug hält, von den umliegenden Tischen werden alle heimlich rüberschauen und dann beim Kellner im Flüsterton das was sie hattebestellen.
Vielleicht kommen wir dem Sex des Alters dann etwas näher, aber eigentlich – Was heißt das überhaupt, Alter? Heißt es nicht „Man ist immer so alt wie man sich fühlt“?
In irgendeinem Schrank, ganz hinten, gibt es bestimmt ein Stullenbrett, auf dem das steht.

(C) Susanne Riedel, Mai 2021

Der Sex des Alters

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