Alkoholfreier Wein

Ein Text zur Erinnerung an die Zeiten, als man noch in Lokalen sitzen konnte

Kürzlich war ich mit Freunden in einem Lokal, in dem unter anderem alkoholfreier Wein angeboten wurde. 
Einer der Bekannten meinte, daß es sich dabei wahrscheinlich nur um einfachen Traubensaft handeln wird. Der aber eben wie Wein kredenzt und deshalb natürlich auch spürbar teurer als Traubensaft verkauft werden kann. 
Eine Freundin gab daraufhin zu bedenken, daß normaler Traubensaft ja eben auch eine geringe Menge Alkohol enthalte, weshalb der alkoholfreie Wein vermutlich doch nicht nur einfacher Traubensaft sein könne. 
Dagegen sprach allerdings der unter einem Sternchen kleingedruckte, bemerkenswerte Satz in der Karte. Dort stand nämlich wortwörtlich.
„Bitte beachten Sie, daß unser alkoholfreier Wein, Alkohol enthält.“
In der Tat ist es auffällig, wieviele Dinge sich mittlerweile über das definieren was sie nicht sind, bzw. nicht enthalten. Und wie diese Dinge dadurch wertvoller werden.
Beispiel: Eine Bekannte betreibt ein Café, in dem sie schon immer auch einfach eine Tasse warme aufgeschäumte Milch anbietet. 
Seit kurzem jedoch nennt sie, auf den Tipp eines Freundes hin, diese Tasse Milch nun „kaffeefreier Capuccino“ und verlangt einen Euro mehr dafür. Niemand beschwert sich darüber. Im Gegenteil, sie verkauft mehr warme Milch, als vorher.
Okay, der Freund war ich und ich wollte eigentlich auch nur wissen, wie weit man diesbezüglich gehen kann.
Als sich nämlich kürzlich mal, in einem sehr vollen, anderen Lokal, jemand zu mir mit an den Tisch gesetzt hat und mich in ein Gespräch verwickeln wollte, habe ich einfach mit freundlich, treuem Augenaufschlag behauptet:
„Oh, entschuldigen Sie bitte, es tut mir sehr leid, aber ich fürchte dieser Tisch hier ist dialogfrei.“
Der Mann hat das ohne mit der Wimper zu zucken akzeptiert. Er hielt das wohl für völlig normal.
Das abstruseste Beispiel dieser Art wurde mir allerdings aus einem großen Elektronikkaufhaus berichtet. Von einen Verkäufer. Der wurde von einer Kundin gefragt, ob man auch Smartphone habe, die telefonfrei sind.
Es stellte sich heraus, daß die Dame, schon gerne ein Smartphone hätte, aber sie könne es eben nicht leiden angerufen zu werden. Überhaupt zu telefonieren. Im weiteren Verlauf des Gesprächs stellte sich heraus, daß sie aber auch kein Interesse an Internet, Spielen oder sonstigen Apps hatte. Am Ende hat ihr der Verkäufer dann einen normalen Fotoapparat verkauft, den er aber geistesgegenwärtig als netz-, daten- und App-freies Smartphone bezeichnet hat.
Nun ja, wie sagte schon der große Philosoph Martin Semmelrogge: 
Wenn Du nicht weißt was Du willst, lass einfach alles weg, was Du nicht willst. Und was dann noch übrig bleibt…
– kann man meistens trinken
(Horst Evers, April 2020)
Horst Evers: Alkoholfreier Wein

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