Der kleine Mann hinter der Tür benötigte seine Brille.
Wir waren gehalten zu warten, bis der Empfänger das Telegramm gelesen hatte. Damit er gegebenenfalls noch direkt bei uns eine Antwort hätte aufgeben können. 
Also bat er mich herein, da er die Tür nicht solange offen stehen lassen wollte. Als ich sie hinter mir schloss war es, als hätte ich in eine andere Welt teleportiert. Die Wohnung bestand praktisch nur aus Büchern. Der Mann schien allerdings dazu zu gehören, auch wenn er sich bewegen und sprechen konnte, war er hier alles andere als ein Fremdkörper. Bebende wie Lemmy, der Bücherwurm aus „Lemmy und die Schmöker“ floß er durch sie hindurch 
Obwohl die gesamte Wohnung gefüllt war, herrschte kein Chaos. Sämtliche Bücher waren fein aufgereiht in Regalen. Regale die aber nicht nur an den Wänden, sondern auch hüft – bis brusthoch mitten im Zimmer standen. Sortiert nach einem System, das ich zwar nicht verstand, dessen Existenz aber dennoch offensichtlich war. Zudem standen sämtliche Bücher auf dem Kopf. Also wirklich jedes einzelne. Ausnahmslos. Ich konnte nicht aufhören sie anzustarren. 
„Ist alles in Ordnung?“, fragte der Mann.
„Die Bücher. Sie stehen alle auf dem Kopf.“
Er schaute erschrocken auf. „Sie haben recht.“
„Warum stehen sie verkehrt herum?“
„Was denken Sie warum sie das tun?“
„Ich habe keine Ahnung.“
„Na, das wird dann wohl der Grund sein.“
Das leuchtete mir ein.
Horst Evers: Berufe meines Lebens in 23 Geschichten – Eilzusteller (1992)

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