(Anlässlich der Wiedereröffnung der Lokale, der neuen Tischanordnung und des Mindestabstands eine passende Geschichte von vor Corona.)

Donnerstagnachmittag. Sitze im Restaurantcafé im holländischen Viertel und überlege, was ich bestellen soll. Kann mich nicht gut konzentrieren, denn am Nebentisch oder genauer gesagt an den Nebentischen versucht sich eine Gruppe von so mitteljungen Leuten hinzusetzen. Noch sind sie 5, sie werden aber wohl 15 oder 16. Deshalb rücken sie hektisch die Tische hin- und her. Offensichtlich in der Hoffnung irgendwann, irgendwie eine Formation zu finden, wo dann alle quasi an einem Tisch sitzen können.

Die Wirtin diskutiert mit einem Handwerker. Es geht um die Kühltruhe oder mehrere Kühltruhen. Der Handwerker sagt, er braucht erst die Ersatzteile, vor morgen kann er da gar nichts machen. Die Wirtin schimpft. Er bleibt unbeeindruckt: „Sie können gerne meckern. Kann ich gut verstehn. Würde ich auch. Aber machen kann ich trotzdem nichts. Ohne die Teile. Gar nichts. Ich kann hier gerne die ganze Nacht stehen und sie meckern. Mach ich ohne Weiteres, wenn Sie das hilft und ich es bezahlt kriege. Nützt aber nischt. Ohne die Teile. Macht vielleicht Spaß, nützt aber nischt. Außer, daß wir denn beide müde sind. Sonst nützt es nischt.“

Schaue auf die handgeschriebene Tafel mit den Tagesgerichten. Es stehen praktisch ausschliesslich Fischgerichte darauf. Der Handwerker geht weiter vor sich hin brabbelnd raus. Die Wirtin schimpft ihm nach. Dann nimmt sie wütend die Kreide und schreibt auf die Tafel mit den Tagesgerichten zusätzlich:

„Alles extra große Portionen!“

Überlege seit wann die Kühltruhe wohl kaputt ist.

Die Gruppe der Tischerücker hat sich jetzt auf eine Art Hufeisen geeinigt. Also eigentlich mehr so ein Hufeisen für ein Pferd mit Holzbein würde ich sagen. Es lappt fast ein wenig in ein ungleichschenkeliges Dreieck. Naja, wohl eher ein Dreieck mit fünf, sechs oder sieben Ecken, beziehungsweise Dellen. Ein zutiefst relatives Dreieck. Aber alle sitzen und sind zufrieden. Die Wirtin brüllt. „Das kann so nicht bleiben. Ich komm da nicht durch!“ Das Diskutieren und Tische schieben beginnt von vorn.

In Schöneberg hängt in einem Fischgeschäft ein Schild: „Fangfrischer Fisch aus Griechenland!“ Als ich dieses Schild zum erstenmal gesehen habe, habe ich überlegt, wie lange so ein Durchschnittsfisch eigentlich als fangfrisch gilt und wie schnell der wohl von Griechenland nach Berlin transportiert wird. Ob der Fischladen nicht womöglich flunkert. Kurze Zeit später sah ich im Supermarkt auf einer Tiefkühlpackung Fisch wieder das Wort „fangfrisch“, weshalb ich beschloss nicht weiter darüber nachzudenken.

Bei den Tischerückern ist aus der Diskussion jetzt ein heftiger Streit geworden. Einer aus der Gruppe, wohl ein Mathematiklehrer, besteht darauf, die Tische nach einer von ihm schnell berechneten Skizze zu stellen, weil nur so jeder einen Platz und die exakt gleiche Menge Tischnutzfläche habe. Seine Hauptgegnerin ist wohl eine Landschaftsplanerin.Mit hochrotem Kopf brüllt sie: „Es käme auch auf die Harmonie im Raum an.“ Hierfür beansprucht sie als Landschaftsplanerin wohl eine höhere Kompetenz für sich und verlangt offenkundig eine sternartige Anordnung. Ein Sozialpädagoge hingegen schlägt vor, innen zu sitzen und die Tische einfach außen drumrum zu stellen. So hätte er in seinen Gruppen die besten Erfahrungen gemacht. Der Großteil der Leute jedoch steht hilflos im Raum, mit den Getränken in der Hand und schaut den Anderen beim wilden Tische hin- und herreissen zu. Einer macht einen Scherz, ob man die Tische nicht auch mehrstöckig anordnen könnte. Sein Versuch der humorvollen Entspannung verschärft den Konflikt und kanalisiert die Aggressionen kurzzeitig auf ihn.

Ich versuche nicht hinzusehen und hefte meinen Blick wieder an die Tafel mit den Tagesgerichten. Peter erzählt immer wieder voll Begeisterung, er habe in Brandenburg kurz nach der Wende vor einem Café eine Tafel gesehen, auf der habe wirklich gestanden: „Heisser Kaffee! Täglich frisch!“ Nun, so hat halt jedes Lokal seine eigenen Spezialitäten.

Die Wirtin kommt wieder fluchend aus der Küche. Sie wischt überall auf der Tagessgerichtkarte das „frischer Fisch“ weg und schreibt stattdessen „panierter Fisch“ hin.  

Vielleicht nehme ich doch lieber nur einen Salat.

Oder ich gehe gleich woanders hin, denn die Tischerücker brüllen mittlerweile alle wild durcheinander. Längst haben sie sämtliche Tische erstmal an den Rand geräumt, hocken in der Mitte auf dem Boden und versuchen dort in einer Art Supervision doch noch eine Möglichkeit zu finden, wie alle zusammen an einem Tisch sitzen könnten. 

Eine junge Frau will offenkundig etwas Abstand und fragt, ob sie sich denn solange zu mir an den Tisch setzen darf. 

Um Konversation zu betreiben, frage ich sie, warum sich die Gruppe überhaupt hier trifft.

„Ach, wir wollen eine Genossenschaft gründen und hier auf dem Wedding zusammen für uns ein Wohnhaus bauen.“

Denke, während ich sehe, wie die Landschaftsplanerin dem Mathematiklehrer ihr Weizenbier ins Gesicht schüttet: Ich hab da ein gutes Gefühl, daß das für alle Beteiligten eine sehr intensive, erfüllende Erfahrung wird. 

Ein chinesisches Sprichwort lautet: „Wo Neues entsteht, bricht Altes zusammen.“ Meistens sind das Alte dann wohl die Bauherren.

Horst Evers: Fangfrischer Fisch aus dem Wedding

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Ein Gedanke zu „Horst Evers: Fangfrischer Fisch aus dem Wedding

  1. Schön von euch zu hören, ich habe an meine Erfahrungen mit unserer neu gegründeten Wohnungsbauegesellschaft gedacht! Musste sehr lachen!
    Hoffe für euch und für mich,dass es bald wieder losgehen kann.
    Seid alle lieb gegrüßt Brigitte

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