Markus erzählt von einem Kinderladen in Rheinland-Pfalz, wo die Kinder unter anderem auch Chinesisch-Unterricht bekommen, bzw. bekamen. Denn als vor kurzem tatsächlich mal eine der Familien mit dem Kind in China war, stellte sich heraus, daß keiner der Chinesen das Kind verstanden hat. 

Auf Nachfrage und Nachforschung ergab sich in der Folge, daß die Lehrerin aus Kambodscha war und den Kindern kambodschanisch, also die khmer-Sprache beigebracht hatte. Anderthalb Jahre lang hatte das weder an dieser Kita, noch in anderen Institutionen, wo sie unterrichtete, jemand bemerkt.

In China berichtete die Familie später, wären sie und die Einheimischen an dem Versuch sich durch das vermeintliche Chinesisch ihrer Tochter zu verständigen beinahe verzweifelt. Aus dem daraus resultierenden Schimpfen jedoch habe sich ergeben, daß sie sich in einem breiten Pfälzisch dort doch irgendwie verständlich machen konnten. Offensichtlich ist dies dem Chinesischen wohl durchaus ähnlicher, als das Kambodschanische. Also zumindest vom Lautmalerischen her.

So etwas hätte meinen Eltern nie passieren können. Denn Dinge wie musikalische Früherziehung, Sportförderung oder privater Fremdsprachenunterricht waren für sie in etwa so exotisch wie Antimaterieantrieb, Quantentheorie oder Intimpiercings. 

Wobei fairerweise sollte ich erwähnen, daß mein Vater zum Bereich Imtimpiecing tatsächlich mal eine Meinung geäußert hat. 

Es geschah nachdem ich zufällig dabei sein durfte, wie er mal einen wirklich sehr ausführlichen, recht expliziten Fernsehbericht zu diesem Thema offenkundig sehr interessiert angesehen hatte. Ohne auch nur einmal umzuschalten. Die ganze Zeit schweigend. Bis zum Schluss.

Dann hat er den Fernseher ausgeschaltet und nach kurzem Nachdenken zwei höchst erstaunlichen Sätzen gesagt. Zunächst:

 „Ach, ich glaube unterm Strich, bringt das gar nicht soviel.“ 

Um nach kurzer Wirkungspause abzuschliessen mit:

„Also meines Erachtens ist da die Enttäuschung aber schon vorprogrammiert.“ 

Was in unserer Familie später zur stehenden Wendung wurde. Nicht nur für Fragen rund ums Intimpiercing. Natürlich, denn im Prinzip könnte man den Satz ja sogar auch für die Quantentheorie und den Antimaterieantrieb benutzen.

Die Früherziehung in meiner Kindheit hat noch andere Schwerpunkte gesetzt. Statt in chinesisch unterrichteten mich meine Eltern schon früh und mit großer Hingabe in Enttäuschung. 

Schon im Alter von zehn Jahren hatten sie mich eigentlich mit allen gängigen Spielarten der Enttäuschung vertraut gemacht. Die meisten beherrschte ich schon einigermaßen fliessend und bis heute halte ich meine Fähigkeit zum routinierten Umgehen mit Enttäuschungen für einen der größten Schätze, den mir meine Eltern mitgegeben haben.

Neben dem klassischen Dreiklang der frühkindlichen Enttäuschungsschule:

„Es geht nicht immer nach Deinem Willen.“

  „Du kannst nicht alles haben.“ 

und „Wer es nie schlecht hatte, kann das Gute nicht schätzen.“

ging es meinen Eltern aber auch um eine übergeordnete Philosophie der fatalistischen Lebensplanung. Wo heutige Erziehungsberechtigte ihren Kindern so etwas vermitteln wollen, wie:

„Du kannst alles erreichen, alles tun!“, impften mir meine Eltern eher ein: „Dir kann alles passieren!“

Selbstverständlich passieren einem im Leben sehr viel mehr schlechte, als gute Dinge. Zumindest laut meiner Mutter. Denn damit ich das, was mir zustößt als größtenteils gut empfinden könnte, hatte ich es ja leider nie schlecht genug. Doch das, daran haben meine Eltern keinen Zweifel gelassen, war wirklich nicht meine Schuld. Es steht ohnehin außer Zweifel, daß sie es sehr gut gemeint  und vergleichsweise ordentlich gemacht haben.

Denn was einem nun im späteren Leben tatsächlich mehr nützt? 

Also chinesisch sprechen und Geige spielen oder die Fähigkeit routiniert mit Enttäuschungen umgehen zu können, muss jeder für sich selbst beantworten.

 Ich hatte ja das Glück, daß ich beim Lernen von Fremdsprachen und anspruchsvollen Musikinstrumenten gleichzeitig auch noch wertvolle, intensive Lektionen im Akzeptieren des Scheiterns erhalten habe.

Oder wie es mein Vater sagte, als er mich zum ersten Mal auf der Trompete üben hörte:

„Also meines Erachtens ist da die Enttäuschung aber schon vorprogrammiert.“ 

(Horst Evers, Juni 2020)

Horst Evers: Frühkindliche Erziehung

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Ein Gedanke zu „Horst Evers: Frühkindliche Erziehung

  1. Was soll ich sagen? Danke! Wie immer, lieber Horst, eine glänzende Geschichte. Ich denke, da ist keine Enttäuschung, vor-, nach- oder sonstwie programmiert.

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