Gefangen

Als ich erwache, finde ich mich in einem Käfig wieder. Ein sehr, sehr kleiner Käfig aus stabilem Metall. Für nur eine Person. Ein Käfig, in dem man nicht stehen kann. Maximal hocken. Aber nicht die Beine ausstrecken. Wenn ich es doch versuche, drückt sich eine massive, verkleidete Metallstrebe in meinen Magen. Fest in meinen Magen. Direkt auf die Eingeweide. Ich bin in diesem kleinen Metallkäfig fixiert. Keine Frage. Ein Entrinnen ist unmöglich. Doch selbst wenn es mir gelingen sollte, wäre es sinnlos. Denn offensichtlich hängt mein metallenes Verlies auch noch viele, viele Meter über einem Abgrund. Das Blut rauscht und staut sich gleichzeitig in meinem Kopf.

„Geht es Ihnen gut?“, fragt mich plötzlich eine Frauenstimme.

„Wonach sieht es denn aus?“, will ich brüllen. Doch ich spüre, daß meine Stimme genau so gelähmt ist, wie mein restlicher Körper.

„Wissen Sie wo Sie sind?“, höre ich ihre kalte, blecherne Stimme, aus der Ferne, quasi wie durch eine Neubauwand hindurch, sagen.

Starre auf meinen Metallkäfig und schüttele dann ganz, ganz langsam und vorsichtig den Kopf.

„Sie sind auf dem Hamburger Dom! Dem großen Jahrmarkt! In einem Fahrgeschäft namens „Flasher XXX!

-Was?

-Sie haben unten vor einer Gruppe Jugendlicher lange Vorträge darüber gehalten, warum Sie keine Angst vor diesem Fahrgeschäft haben. Weil das ja sowieso noch nichts gegen die Fahrgeschäfte ihrer Jugend wäre. Die seien nämlich noch viel heftiger und schlimmer gewesen und so weiter und so fort. All so Zeug. Dann haben die Jugendlichen Ihnen wohl tatsächlich eine Karte gekauft. Sie haben es nicht geschafft sich aus der Geschichte rauszulügen und sind leider neben mir hier zum sitzen gekommen.

-Ach was.“ sage ich.

„Ja, und dann sind Sie aber schon in der ersten Sekunde, also als es langsam nach oben ging, ohnmächtig geworden.“

Ich erinnere mich zwar nicht, aber ich glaube der Frau. Denn plötzlich kann ich sie auch sehen. Neben mir. Sie lächelt. ich frage:

„Sind Sie ein Engel?

-Nein?

-Aber was sind Sie dann?

-Ergotherapeutin.

-Was? Aber warum haben Sie dann so eine komische Frisur?

-Weil wir über Kopf stehen. Ungefähr 20 Meter über der Erde würde ich schätzen.“

Durch diese Information ergibt plötzlich alles, was ich sehe, noch sehr viel mehr Sinn. Spüre: Sie hat recht und mir wird schlecht. Als könnte Sie meine Gedanken lesen, deutet sie nach unten:

„Sehen Sie diese Menschen direkt unter uns, die trotz des Sonnenscheins Regenschirme tragen?

-Ja. Warum?

-Das sind die erfahrenen Mitarbeiter dieses Fahrgeschäftes, die wohl mit den Jugendlichen mit denen Sie unterwegs sind, gewettet haben, ob Sie sich übergeben müssen oder nicht. Ich fürchte, Ihre Quoten stehen aktuell nicht besonders gut.

-Kein Problem. Ich würde im Moment auch nicht auf mich setzen. 

-Sagt Ihnen das ihre innere Stimme?

-Nein, nicht die Stimme. Das sagt mir mein restliches Inneres. Aber dass Sie Ergotherapeutin sind, trifft sich sehr gut. Ich habe mir nämlich, glaube ich, bei einem der Überschläge hier, wohl was am Rücken gezerrt.

-Oh, so eine Ergotherapeutin bin ich leider nicht. Ich arbeite vielmehr bei der Firma Ergo als Therapeutin. Also ich biete psychische Betreuung an für Menschen, die durch die Auseinandersetzung mit ihrer Versicherungsgesellschaft wahnsinnig geworden sind.

-Im Ernst?

-Nein quatsch, das habe ich mir nur ausgedacht, um sie von ihrer Übelkeit abzulenken. Aber ich war tatsächlich mal 6 Monate lang mit einem Kniespezialisten zusammen. Bis sich irgendwann herausgestellt hat, daß er gar kein hochspezialisierter Chirurg ist, sondern nur ungewöhnlich schöne Knie hat und eben als Kniemodell arbeitet. In der Werbung und so.

-Echt?

-Ja. Sie kennen seine Knie bestimmt vom Sehen. Die hängen hier ständig in der Stadt rum und haben auch schon in einigen berühmten Filmen mitgespielt.

-Aha. Und sind Sie denn jetzt Ergotherapeutin?

-Ja schon. Aber eben nur eine ganz normale. Ich bin aber übrigens tatsächlich beruflich hier.

-Was?

-Ja. Mit meiner Rückengruppe. Dieses Über-Kopf-Aushängen an der frischen Luft tut dem Rücken nämlich wirklich gut. Und letztlich sind die Tickets hier deutlich billiger, als wenn ich mir dafür ein Rhönrad oder ähnliches in die Praxis stellen würde. Aber jetzt müssen wir wirklich mit unseren Rückenübungen anfangen. Wenn Sie wollen können Sie ja mitmachen.“

Also ich muss sagen: Verglichen mit meinem Magen, ging es meinem Rücken hinterher tatsächlich gar nicht so schlecht.

(Horst Evers)

Horst Evers: Gefangen

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Close It