Mein Leben in dreizehn Berufen

Koch – Die linke Hand Gottes (1988)

Der Rosenhof an der B 51 engagierte einmal im Jahr einen Meisterkoch aus Bremen, um seinen Gästen so ein echtes Sternemenü anbieten zu können. Die Tische waren Monate, teilweise Jahre vorher vergeben, obwohl der Spaß wirklich nicht gerade günstig war. Für Diepholzer Verhältnisse.

Der Maitre hatte allerdings genau genommen seit Jahren keinen Stern mehr. Doch das war für dieses Ereignis wohl nicht weiter von Belang.
„Kochen verlernt man ja nicht,“ beziehungsweise „einmal Gott, immer Gott“, wie der Chef des Landgasthofes zu sagen pflegte.
Sein Star kam alleine und arbeitete mit der üblichen Küchenmannschaft des Rosenhofs, die allerdings noch um einige Helfer erweitert werden musste, da es ja so voll und das Menü so extraordinär war.
Natürlich musste auch die Tochter des Hauses stets mithelfen. Doch genau an diesem Tag 1988 war das Konzert von Supertramp in Hannover und so forderte sie einen alten Gefallen bei mir ein, wodurch das Unglück seinen Lauf nahm.

Eigentlich sollte Ingo für sie einspringen. Doch der hatte sich genau in der Nacht vor dem großen Tag den Fuß gebrochen. Bei dem Versuch ein Lagerfeuer auszutreten. Trotz erheblicher Trunkenheit.
Er muss auf einen der abgrenzenden Steine getreten sein. Mehrfach. Vielleicht auch auf verschiedene Steine. Das liess sich nicht mehr rekonstruieren. Eventuell hatte der Fuß auch Brandwunden. Möglicherweise auch beide Füße. In jedem Falle ging es Ingo nicht gut.

Ich war schon seit über einem Jahr in Berlin und nur zufällig zu Besuch bei meinen Eltern. Ingo begegnete ich am Morgen dieses Tages im Krankenhaus, wo ich meine Mutter besuchte. Wir kennen uns schon seit immer.
Ingo, der als Kind übrigens keinen Hund haben durfte und deshalb einem Ferkel das Stöckchen holen beigebracht hatte, schenkte mir vor vielen Jahren die knickbare Jugendzimmerschreibtischlampe, von der ich mich bis heute nicht trennen kann.

Eigentlich hatte diese Lampe aber seinem Bruder Jens gehört, der später fast seinen Hauptschulabschluss nicht bekommen hätte, weil er einem Lehrer mit der nackten Faust ins Gesicht geschlagen hat.
Was aber ein Missverständnis war, da er sich einfach verhört hat, wie Jens später immer wieder beteuerte. Was er eigentlich gehört haben wollte, hat er nie verraten.

Es kann aber sein, daß ihm die alte Schultafel zu diesem Schlag geraten hat. Das vermutete zumindest Sonja, die auch mehrfach das Gefühl hatte, diese Tafel würde zu ihr sprechen.
Sonja hatte ich kennengelernt, weil ihr Tanzschulpartner unmittelbar vor dem Abtanzball erkrankt war und meine Partnerin Katrin sich gleichfalls kurz vor diesem Abschlussabend überstürzt in Detlef verliebt hatte, was nun Sonja und mich zum Tanzpaar machte.
Allerdings haben sich dann Detlef und Katrin noch am Abend des Balles wieder zerstritten und getrennt, weshalb Detlef grußlos gegangen ist. Wodurch schließlich Sonja mit Katrin getanzt hat und ich am Tresen saß.

Ein unglücklicher Verlauf für mich. Dachte ich. Bis ich Susanne, die Tochter des Wirtes, kennengelernt hatte, die hinter der Theke ausgeholfen hat. Sie rettete für mich den Abend und noch viele weitere Wochen.

Der Ort des Abtanzballes war natürlich eben jener gehobene Landgasthof mit Festsaal an der B 51, in welchem nun der Sternekoch gastierte. Womit alle Zusammenhänge geklärt sein dürften. Jedenfalls bat mich Ingo nun, ihm und Susanne aus dieser vermaledeiten Lage zu helfen.
Da ich tatsächlich beiden noch mindestens einen großen Gefallen schuldete, fand ich mich somit plötzlich am Abend in der Rolle des Helfers für den Meisterkoch wieder.

Der war außerordentlich enttäuscht, daß nicht die hübsche, patente und flinke Susanne, die er wohl schon seit Jahren kannte, an seiner Seite war. Sondern ein völlig verträumter, langsamer, spektakulär ungeschickter Bursche aus Berlin, was er schon allein als Stadt nicht besonders mochte.
Obwohl sich keiner der Gäste beschwerte oder auch nur irgendwas ungewöhnlich fand, entschuldigte er sich mehrfach für mich bei den Gästen. Öffentlich. Zeigte dabei sogar einige Male mit dem unangezogenen Finger auf die ersten nackten Stellen in meinem Haupthaar.

Bei der abschliessenden launigen Vorstellungsrunde der Küchenmannschaft, in welcher er über jeden Mitwirkenden, besonders aber über die halb- und nichtprofessionellen Helfer etwas übertrieben Nettes erfand, wie „ der Schnippel-Rastelli aus Hagewede“ oder „die Frida Kahlo des Teller Anrichtens“, betitelte er mich mit: „Die linke Hand Gottes“.

Wenngleich dies sogar das mit Abstand Freundlichste war, was er während des ganzen Abends über mich äußerte, verlor ich doch in diesem Moment die Fassung und tat etwas sehr Schlimmes. Ich trat vor und sprach viel zu laut:
„Aber angeführt wurden wir natürlich von Gott höchstpersönlich, dem Konrad Kujau der Meisterköche.“

Konrad Kujau war der Hochstapler mit den Hitler-Tagebüchern. Ein Name, den damals noch wirklich jeder kannte.
Nach meinem Satz wurde es still. Unglaublich still. Schweigend gingen wir alle wieder in die Küche zurück und dann wurde es laut. Unfassbar laut. Aber auch gefährlich. Was genau geschah ist sicher aus heutiger Sicht unwichtig und bedarf auch keiner Wiederholung.
Nur soviel: Wenn ein hauptberuflicher Koch in einer hauptberuflichen Küche richtig wütend auf dich ist, dann weißt du erstmal, was richtige Wut ist.

Aber alle haben überlebt. Immerhin.

In jedem Falle schwor ich mir zur Sühne etwas wirklich Gutes für die Welt und den Kosmos zu tun. Nämlich nie wieder ernsthaft als Koch oder Küchenhilfe zu arbeiten.
Das zumindest ist mir bis heute gelungen.

(Horst Evers)

Horst Evers:  Koch – Die linke Hand Gottes   (1988)

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