Mein Leben in 23 Berufen

Rockstar (1985)

„Wenn Du als Musiker wirklich erfolgreich sein willst,“ sagte der Studioboss, 

„gibt es eigentlich nur eine einzige Regel, die Du befolgen musst:

Mach am besten immer wieder das gleiche Lied, aber ohne Dich zu wiederholen!“

Der Studioboss hiess Henry und war Uwes Vater. Er spielte als Bassist in diversen Cover-Bands für Volksfeste und hatte im Keller einen Probenraum mit Aufnahmemöglichkeit eingerichtet. Dort wollten wir nun auch unseren ersten ganz großen Hit produzieren.

Mir war allerdings ein bisschen mulmig bei dem Gedanken, daß wir dieses Stück, falls es wirklich richtig erfolgreich werden würde, dann immer wieder machen müssten. Schliesslich ging es mir jetzt schon ein wenig auf die Nerven. 

Und das, obwohl es noch jedesmal anders klang. Da wir es auch erst zur Hälfte konnten. Leider konnte zudem jeder von uns eine andere Hälfte. Was letztlich dazu führte, daß das Lied aus vier Hälften bestand. was es nicht einfacher machte. Weder zu spielen, noch zu konsumieren.

Auch wir hatten bereits unsere Regeln. Die drei wichtigsten waren:

„Wer probt kann nichts!“

„Authentizität schlägt Virtuosität“ und

„Wenn man nur lange genug Rockstar ist, kommt das mir der Musik irgendwann von ganz alleine.“

Uwes Vater hieß übrigens nicht wirklich Henry. Das war sein Musikername. Er kam aus einer Generation, wo noch alle Bandmitglieder englische Namen haben mussten. Sonst wäre es Volksmusik. Sein Geburtsname war Heinrich, wodurch der logische Musikername Henry war. Genauso war es bei Tom (Thomas), Mike (Michael), Joe (Jörg!) und Ziggy (Karl-Heinz?).

Henry fand unser Lied schlecht. Er fand die ganze Band miserabel. Zum Beispiel, weil außer Uwe, seinem Sohn, niemand sein Instrument richtig beherrschte. 

Darüber, daß er sowas wichtig fand, machten wir uns ein wenig lustig. Außerdem hielt er aber auch unseren Ansatz für zu verkopft. Da konnte schon eher etwas dran sein.

Wir wollten eine politische Rockband sein. Mit Anspruch. Das sollte schon durch unseren Namen klar werden. Zuerst nannten wir uns: „Keine Arbeit für alle!“ Das funktionierte auf dem Land gar nicht. „Arbeit macht Arbeit“ löste schwierige Diskussionen aus und „Geld statt Arbeit“ verstand niemand. 

Also wechselten wir unseren inhaltlichen Schwerpunkt. Mehrfach. Am erfolgreichsten war wohl der Bandname: „Ken ist schwul“. Was sich auf den Ken von Barbie bezog. 

Doch leider stellte sich heraus, daß man uns nicht, wie erwartet, dann „die Kens“ nannte, sondern „die Schwulis“. 

Aus heutiger Sicht wäre das natürlich ein hervorragender Name gewesen. Also „die Schwulis“. Damals jedoch war es uns, trotz aller Progressivität, denn doch unangenehm. Allerdings nicht, weil wir beleidigt gewesen wären, sondern im Gegenteil. Da zu der Zeit noch keiner von uns schwul war oder davon wusste, kam uns dieser Name irgendwie unlauter vor.

Dennoch hatten wir aber etwas, von dem wir dachten, daß es ein richtig großer Hit werden könnte. Das Lied hieß „Paradoxie-Galaxie“ und handelte beispielsweise davon, daß wirkliche Anarchie ja leider nur funktionieren kann, wenn sich alle an die Regeln halten.

Für uns schaffte dieses Stück genau den schwierigen Spagat zwischen Anspruch und kraftvoller moderner Rockmusik mit Wumms. Es beinhaltete gleich vier musikalische Stilrichtungen (Punk, Heavy-Metall, Singer/Songwriter und Bebob), da ja jeder seine eigene Hälfte spielte.

Ziemlich krass gegen die Erwartungshaltung gebürstet. Vor allem, wenn jemand gute Musik erwartete. 

Doch in jedem Falle ganz sicher etwas außergewöhnliches, eigenes. Das vermisst man in der heutigen Musik ja oft.

Leider sind alle Aufnahmen, genauso wie der Originaltext, wohl für immer verschollen. In unseren Herzen aber lebt die Erinnerung fort. Das da mal etwas war, was man lange schon vergessen hat. Irgendwie macht mich das glücklich.

(Horst Evers, Juni 2020)

Horst Evers: Rockstar (1985)

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