Da man im Moment nicht reisen darf, erzähle ich mal von schönen Reisen…

Weimar

„Goethe war das meiste Genie, was Deutschland jemals gehabt hat.“, sagt ein Kind vor einem der sehr vielen Lokale in der Weimarer Innenstadt.

Das ist ja sozusagen ein Satz, wie als wie wenn er ihn quasi selbst geschrieben getan hätte, der Goethe, denke ich.

Die Freundin hatte angeregt in Weimar mal eine Stadtführung mit zu machen. Dann müsste sie sich vielleicht mal nicht den ganzen Tag Zeug von mir anhören, welches ich unmittelbar vorher auf Wikipedia gelesen habe, dann aber ständig als mein eigenes großes Allgemeinwissen ausgebe. Als wenn ich sowas tun würde. Ich weiß halt viel, über viele Sachen. Und selbstverständlich auch über die freie Kreisstadt Weimar, welche im Jahr 975 erstmals urkundlich erwähnt, in der sogenannten Thüringer Mulde auf Muschelkalk und Zechstein errichtet wurde. So Sachen weiß ich und kann sie charmant und unauffällig in die Konversation mit einfliessen lassen. Bei Wikipedia gucke ich ja meist nur rein, um zu kontrollieren, ob es da auch richtig steht. 

Die Stadtführung mit dem lustigen Namen: „Weimar to go“ bestand dann zu nicht unwesentlichen Teilen daraus, uns alle Orte in Weimar zu zeigen, an denen Goethe oder Schiller jemals Liebe erfahren haben. Also quasi. Sprich körperlich Liebe erfahren. Sozusagen massiv Liebe erfahren. Also vermutlich. Meinte die Stadtführerin. Also zumindest hatten sie wohl an all diesen Orten amouröse Tete à Tetes. Wahrscheinlich. Die ganze Zeit ging das so. Tete à tete hier, place de plaisir da. Oh Lala und ui jui jui. 

Ich fand das ganz interessant. Mal ein anderer Zugang zur Weimarer Klassik. Und das steht auch tatsächlich nicht bei Wikipedia. 

Überlege, wie es wohl wäre, wenn jemand in Berlin eine Stadtführung machen würde, zu allen Orten, an denen ich mal Sex hatte. Kann ja auch jeder für sich mal überlegen, wie das wohl wäre. Oder einfach machen. Mal so ein anderer thematischer Sonntagnachmittagspaziergang – mit der ganzen Familie. Die interessiert das doch auch. Die klagen doch oft, man würde so wenig von sich erzählen. Dann würden die mal begreifen, warum das so ist. Und wenn man dazu alles detailgetreu und farbenfroh erläutert, fragen sie wahrscheinlich auch nie wieder.

Gut in meinem Falle würde jetzt so eine Stadtführung so wahnsinnig lang und ausschweifend auch wieder eher nicht werden. Eventuell müsste man den Begriff „Sex“ oder „Liebe erfahren“ etwas großzügiger auslegen, damit sich das überhaupt lohnt. Womöglich sogar sehr, sehr großzügig. Vielleicht nimmt einfach noch alle Orte mit dazu, an denen ich, sagen wir mal, einen Döner gegessen habe. Und noch die Orte an denen ich mal eine sehr gute Idee hatte. Und dann könnte man die Leute raten lassen, was an dem jeweiligen Ort war: Sex, Döner oder Idee. Oder sogar alles drei gleichzeitig. Also nicht richtig gleichzeitig. Tatsächlich habe ich noch nie einen Döner gegessen, während ich… Nee, daran würd ich mich erinnern. Gibt aber ja wohl Leute, die das mögen. Glaube ich. Aber ich nicht. Das wäre mir zu heftig. Döner während man…nee, das wär mir nix. Marmeladenbrot hingegen? Vielleicht. Das könnte man mal probieren.

Schaue mich um. Alle anderen Teilnehmer der Führung starren mich an. Kann es sein, daß ich möglicherweise die letzten Sätze laut überlegt habe? Zumindest packt nun jemand demonstrativ sein Marmeladenbrot ein.

Egal. Eine Stadtführung in Weimar zu allen Orten and denen etwas historisch Bedeutsames geschehen ist oder die in besonderer Beziehung zu Goethe, Schiller, Nietzsche, List, Herder und wem nicht noch alles stehen, ist übrigens in etwa so, als würde man in der Arktis eine Führung machen, an alle Orte, wo es kalt ist. Das denke ich später als ich mir auf halber Strecke zwischen dem Goethe-Kaufhaus und dem Schillerkaufhaus, ein Goethe-Schnitzel bestelle, welches, wie ich verblüfft feststelle, deshalb so heißt, weil es ziemlich genau die Umrisse von Goethes Kopf hat. Auf sowas wäre nichtmal Schiller gekommen, denke ich und beschliesse es demnächst mal mit einem Marmeladenbrot mit den Umrissen meines Kopfes zu versuchen.

(Horst Evers, April 2020)

Horst Evers: Weimar

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