Markus hat mir eine Bewegungs-App empfohlen. Ich fand das ja fast schon zynisch in Corona-Zeiten, aber er meinte, seit er diese Bewegungs-App in Kombination mit einer Ernährungs-App und einer Schlaf-App habe und deren tägliche, wöchentliche und monatliche Herausforderungen seriös erfülle, sei sein Leben ein anderes geworden. Er sei praktisch nie mehr krank. Fühle sich energiegeladen und zwanzig Jahre jünger. Dabei sei er ja eigentlich gar kein App-Typ. Wolle sich da gar nicht soviel mit befassen, nicht zu viel Zeit mit sowas verbringen. Aber diese Bewegungs-App habe ihn überzeugt. Mindestens vierzig vergleichbare Apps hätte er ausprobiert. Doch diese sei die Beste.

Also habe auch ich sie versucht. Die Herausforderungen seriös angenommen. Seriös heißt bei mir, ich mache es wenigstens doppelt, besser aber drei- oder viermal so gut, wie empfohlen. Steht beispielsweise bei einem Wanderweg „voraussichtliche Dauer ca. 4 Stunden“, bin ich niedergeschlagen, wenn ich es nicht unter dreieinhalb schaffe. Das ist eine meiner Krankheiten. Die mir schon häufig geschadet hat. Aus der ich aber trotzdem nichts lerne. Worauf ich fataler Weise auch noch irgendwie stolz bin. Auf eine bizarre Art. Doch das will sicher keiner wissen.

Drei Tage lang ging alles gut mit der App. Vermutlich sind anfangs die Anforderungen absichtlich extrem schlicht. Damit man nicht gleich entmutigt ist. Da war die dreifache Menge ein Klacks. Ich war mir schon sicher, in Kürze bereits dreimal so gesund zu sein, wie alle anderen gesunden Menschen. Möglicherweise kann ich sogar irgendwann einen Weltrekord im gesund sein aufstellen. Wenn es gut läuft. Dachte ich. Es lief aber nicht gut. 

Am vierten Tag sollte ich 50 Stockwerke ersteigen. Also habe ich 150 gemacht. Da ich ja die App nachhaltig beeindrucken wollte. Ihr eben direkt klarmachen, mit wem sie es hier zu tun hatte. Vielleicht hatte ich auch so einen Gedanken, die App würde womöglich direkt aufgeben, wenn sie sieht, wie ihre „Challenges“ unter meinen Muskeln zerbröseln. Dann hätte ich gewonnen und könnte wieder gemütlich auf dem Sofa liegen und Serien gucken. Bis zur nächsten aufmüpfigen App. Während man Sport treibt, hat der Kopf ja viel Zeit ordentlich Zeug zu denken. Jede Menge, oft erstaunliches Zeug. Da sind zum Teil auch Dinge dabei, wo man verblüfft feststellt: „So kenn ich mein Gehirn ja gar nicht.

Nach 148 Stockwerken, also nachdem ich 35mal unser Treppenhaus rauf- und runter gelaufen war, hatte ich einen seltsamen Ruf bei den Nachbarn und was in der Wade. So einen kleinen Knoten, Knorpel oder Verhärtung. Einen massiven Pfropfen eben. Ich beschloss mir da mal nicht weiter Gedanken drüber zu machen. 

Nach fünf Minuten war ich mit dem „mir keine Gedanken machen“ fertig und begann nach „Knoten in der Wade“ zu googeln. Kurz darauf fasste ich die Ergebnisse zusammen und konnte nun mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit sagen, daß ich anhand dessen, was ich da zusammengegoogelt hatte, alles in allem wohl nur noch 24 Stunden zu leben hatte.

Im ersten Schreck erwog ich nun doch vielleicht einmal eine richtige Ärztin aufzusuchen. Aber nur kurz. Denn wie so oft: Im Angesicht einer großen Gefahr gewinnt man plötzlich eine große Klarheit. In den Gedanken. Immerhin. Natürlich. Wie unsinnig ist es denn, wenn man nur noch 24 Stunden hat, diese mit Arztbesuchen zu verbringen?

 Also googelte ich weiter. Mit Erfolg. Bald liessen die Ergebnisse keinen anderen Schluss mehr zu, als daß ich schon vor einigen Tagen verstorben war. 

So habe ich also neulich etwas Erstaunliches über mich erfahren. Wer auch schon einmal tot war, weiß, wie nachdenklich einen das machen kann.

(Horst Evers, April 2020)

Horst Evers: Wie ich neulich etwas Erstaunliches über mich erfahren habe

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