Also eins will ich gleich vorweg sagen: Es ist nicht das selbe! Irgendwas hat uns dann trotzdem gefehlt. Auch stimmungsmäßig. Obwohl ich den Abend über ordentlich was weggesoffenen haben muss. Ich hatte einen veritablen Rausch, wie schon seit Monaten nicht mehr. Zu sechst hatten wir uns, Zoom sei Dank, zu einem virtuellen Kneipenabend verabredet. Ganz wie früher. In der alten Runde. Wir könnten dann mal wieder zusammen Würfel spielen. Jeder bei sich zuhause mit seinem eigenen Würfelbecher. 

Samstag, Viertel nach Acht war ausgemacht. Ich saß voller Vorfreude an meinem Rechner. Das erste Bier schäumte im Glas. Die Tagesschau war beim Wetterbericht angelangt, die Festplatte des Laptops schnurrte wie ein Kätzchen. Und? Was soll ich sagen? Zunächst mal begann unser gemütliches Beisammensein exakt genau so, wie es auch früher immer anfing. Ich war als erster da und durfte eine Ewigkeit lang alleine Däumchen drehen. Die lieben Freunde sind dann nach und nach, mit den üblichen Verspätungen eingetrudelt. 

Als ich meine zweite Flasche geöffnet hatte kam Norbert angedackelt. An – Aus – An – Aus. Dann stand die Leitung endlich. Es war gegen Viertel vor Neun. Er war völlig aufgelöst. Wäre auch ein Wunder gewesen, wenn nicht. Man kennt sich schließlich. 

„Du Jürgen, t’schuldige bitte… .“ Nur seine Ausrede war diesmal neu. „Kein Parkplatz gefunden“, wäre echt unpassend gewesen. Diesmal sollte also der Computer schuld gewesen sein, der ihm dreimal abgestürzt sei, bevor er das nochmal frisch installierte Zoom-Programm endlich zum Laufen gebracht haben will. Wer’s glaubt wird selig. Die Übertragung war miserabel. Das Bild ruckelte. Und als wir uns zur Begrüßung zuprosteten, sah ich plötzlich nur noch ein Standbild. Die Bilder liefen dann erst weiter, da hatte Norbert sein Glas längst wieder vor sich hingestellt. Und sich den Bierschaumbart schon abgewischt. Das ist doch blöd. Man will das doch sehen. Also mal in echt: Richtig miteinander Saufen geht anders. 

Dann ploppte plötzlich das Bild von Ina auf. Sie hing ziemlich schlaff auf dem Sofa mit ihrer kleinen Tochter Julchen im Arm. Sie erklärte uns, sie habe das Gör einfach nicht zum Schlafen gekriegt. Und da wäre sie heute halt mit Kind dabei. Sie fragte scheinheilig, ob das denn so in Ordnung gehe? Natürlich sei dieser Abend nicht so geplant gewesen, aber wo die Kinder nun die ganze Zeit zu Hause sind, wäre bei ihnen totales Chaos ausgebrochen. Ein ziemliches Durcheinander war zu erkennen, überall lagen Kissen, Plüschtiere, Schmusedecken und Spielzeuge auf dem Tisch verstreut herum und dann purzelten auch noch die siebenjährigen Zwillinge Franz und Ludwig über Ina her und der eine – ich kann die beiden ja nicht auseinander halten – wollte auch gleich an Inas zu Feier des Abends bereit stehender, zum Atmen vorsorglich geöffneter Rotweinflasche nuckeln. 

„Wo bleibt denn dein Göttergatte?“, hat Norbert gefragt und Ina meinte, der Richard habe home-office-mäßig noch was im Arbeitszimmer zu erledigen. Aber just in dem Moment war Richard auch schon auf einem neuen Kanal zugeschaltet und schwenkte ein volles Weizenglas vor seiner Kamera. „Grüß Gott, und vergesst nicht, der Leber bescheid zu sagen, dass es wieder Arbeit gibt!“ Was ein Hallo! Nur Ina reagierte verschnupft. 

Die dann folgende Auseinandersetzung zwischen Ina und Richard will ich mal übergehen, obwohl es schon seinen Reiz hatte, einem veritablen Ehestreit via Internet zuzusehen. Es fetzte ziemlich zwischen den beiden, als sie sich von Wohnzimmer zu Arbeitszimmer in ihrer Wohnung im Ruckelbild-Fernduell angifteten. Die Nerven lagen bei beiden ziemlich blank. Sie hatten anscheinend auch beide schon ziemlich vorgeglüht. Ina beklagte sich, dass das mit den Kindern derzeit alles an ihr hängen bleibt und der Herr Vater, statt sich auch mal der Familie zu widmen, sich fortwährend in seinem Arbeitszimmer verkrieche. Norbert und ich schwiegen höflich. Ich zwinkert Nobby allerdings mehrmals heimlich zu. Aber ich glaube, dass Norbert das, der miesen Bildqualität wegen, nicht mitbekommen hat. Und allzu offensichtlich wollte ich nicht werden. Ina und Richard hätten es ja auf ihren Bildschirmen auch sehen können. 

Unterbrochen wurde das Wortgefecht schließlich von H & H, also von Hiltrud und Herbert Sommer-Zabel, die sich nun endlich auch gemeinsam zuschalteten. Die beiden hatten ihren Auftritt mit erhobenen und gut gefüllten Sektgläsern perfekt inszeniert. Sie saßen von brennenden Kerzen umrahmt eng umschlungen auf ihrem Ehebett und ließen keinen Zweifel dran, dass für ihre Verspätung die schönste aller Entschuldigungen zu gelten habe. „Ihr wisst schon“, sagte Herbert verschmitzt. „Wie ihr am zerwühlten Schlachtfeld eindeutig erkennen könnt. Zwinker, Zwinker!“ Er sagte tatsächlich „Zwinker Zwinker!“ Das ist wohl der übliche Internet Slang. Was man auf den verschwommenen Baby-Bildchen so einer Konferenzschaltung nicht erkennen kann, das muss halt öfter mal laut gesagt werden. 

Zum Würfeln sind wir nicht gekommen. H & H haben sich geweigert, ihre ausgeklügelte Kameraposition zu ändern, so dass wir die von Ihnen gewürfelten Zahlen auch tatsächlich hätten sehen können. „Das könnt ihr uns schon auch mal glauben, wir schummeln doch nicht!“, beteuerte Hiltrud scheinheilig. Der Lacher des Abends! 

Ina hat sich schließlich mit Richard versöhnt. Er hatte sich geopfert und die gemeinsamen Gören in ihre Betten verfrachtet. Beider Versöhnung ging schlussendlich so weit, dass sie damit begannen auf ihrem Sofa schamlos rum zu Knutschen und sich gegen elf Uhr schon wieder verabschiedeten, um das samstägliche Ritual nachzuholen, das H & H vorgeblich zuvor schon pflichtschuldigst erledigt hatten. Mit Norbert konnte ich dann, als wir nur noch zu zweit waren, noch das eine oder andere Getränk zünftig leeren. Später kamen auch noch ein paar Kurze obendrauf. Zu einem ordentlichen Rausch hat es uns also schon gereicht, aber, wie gesagt, es war doch nicht das selbe, wie wenn wir bei Josef im Pilsner Stübchen aufschlagen.  

(Jürgen Witte, Mai 2020) 

Jürgen Witte: Barhocker und Stubenrocker

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