Die schräge Schüssel, die eiernde Obstschale, das seltsame Ding, das wir „Einheitswippe“ zu nennen gelernt haben; nun wird es also doch gebaut. Letzte Woche war vielzähliger Politikerauflauf am Fuß der Stadtschlossfassade zum gemeinsamen, hochsymbolischen Spatenstich. Da der Spaten im betonierten Boden nicht so recht stechen will, hatte man für den Termin einen langen, mit feinem Kies gefüllten Pflanzenkübel – auch so ein selten hässliches „Stadtmöbel“ – extra hergerichtet. Und da drin wurde dann auf Kommando herzhaft zugestochen. Immer wieder ein unschönes Bild für all die versammelten Pressefotografen. Aber Tüchtigkeit vorschützende Bauherren, zumal wenn sie dazu auch noch Politiker sind, wollen sich so ein gemeinsames Spatenstechen einfach nicht nehmen lassen. Seht her, wir buddeln jetzt ein Loch, eure Steuergelder darin zu versenken. 

Aber genug der vorschnellen Ausgießung von Häme, wo doch gerade auch noch Pfingsten ist. Sparen wir uns das lieber auf für die Jahre, in denen sich herausstellt, dass dieses Denkmal eine bislang unerwähnte und tunlichst verschwiegene Menge an Betriebs- und Unterhaltskosten nach sich ziehen wird, die der Bund (als treuloser Vater) der Stadt Berlin (in der Rolle der alleinerziehenden Mutter) bald schon schuldig bleiben wird. So dass man also jedes Frühjahr, nach Beendigung der winterlichen Denkmalssperrung wegen Glättegefahr, wieder zu diskutieren beginnt, wer für die nun anstehende Einheitswippen-Saison wohl die fälligen Rechnungen bezahlen mag. 

Als da wären: Wartung und Pflege der hydraulischen Technik, Personal zur Einweisung der Besucher in die korrekte Nutzung des Denkmals, weiteres Personal zur Unfallverhütung (sog. qualifizierte Wippenmeister). Dazu der unvermeidliche Reinigungstrupp für all den im gut sichtbaren, aber wegen der Neigefunktion unzugänglichen, Schatten der Schüssel entsorgten Müll.  Nicht zuletzt plane man auch jetzt schon einen 24/7 Wachschichtdienst, der – vor allem in nächtlichen Stunden – dafür zu sorgen hat, dass die Skater-Jugend der Vorstädte diese so denkwürdige und national bedeutsame „slow moving Quaterpipe“ mit den darauf extra angebrachten vielen coolen „Rails“ nicht als schnöde Sport und Freizeitstätte missbraucht. Auch für halsbrecherische „Jumps“ bietet gerade dieses Denkmaldesign die idealen Voraussetzungen. 

Nun denn, wir werden es ja noch miterleben. Jetzt wird die flugunfähige Untertasse (vulgo: „unidentified non-flying object“, sprich: UNFO) also tatsächlich gebaut. Und eines nicht all zu fernen Tages wird auch der dann feierlich überreicht werden: der symbolische Schlüssel zur fertig gestellten Schüssel. Auch so ein rituelles Fotodokument, welches man lieber nicht mehr in einer Zeitung sehen müssen möchte. 

(Jürgen Witte, Mai 2020) 

Jürgen Witte: Das Wippen wir 

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