”Sie glauben gar nicht, wie glücklich ich bin, dass Sie Ihren Verkaufsraum jetzt wieder öffnen dürfen. Schon der Geruch, wenn man reinkommt. Das erschlägt eine sensible Natur beinahe. Und dann kommt aber auch gleich dieses unsagbare Wohlgefühl. Hier bin ich zu Hause. Hier geht’s mir gut. Wie ich das vermisst habe. Diese Vielzahl wohlkomponierter Kunststoffausdünstungen mit der aggressiven Kopfnote von frisch vulkanisiertem Gummi. Täuschen mich meine Sinne, oder rieche ich auch Leder? Ach ja, das Cabrio da hinten. Stimmt! Gratuliere! Was für echte Kenner. Das schnuckelige Zweisitzer Schätzchen in Vollleder Ausstattung.“

„Einen Kaffee? Nein danke. Jetzt nicht. Ich möchte meine Nase keinesfalls unnötig ablenken.“

„Keine Angst, ich tatsche schon nix an. Ich mache Ihnen keine Flecken am Lack. Ich hab meine Finger unter Kontrolle. Ich weis doch, was sich gehört. Und jetzt wegen dem Corona sowieso. Aber allein schon dieses sensationellen Geruchs wegen, muss ein von moderner Mobilität überzeugter Motorist doch alle paar Tage mal unverbindlich in einem Hause wie dem Ihren vorbeischauen dürfen. Und sei es eben nur zum Reinschnuppern. Damit man diese subtile Sensation wieder in seine Nase bekommt! Wie das riecht – so ein nagelneues Auto! Mir gibt das was. Das motiviert mich. Wenn ich solch sagenhafte, mit solider Sinnlichkeit geschwängerte Luft einatmen darf, dann gehen mir die Geschmacksknospen gleich wieder auf. Da weiß man doch, dass es sich lohnt, sich 40 und mehr Stunden die Woche krumm zu legen. Dieses einmalige Erlebnis kann den Menschen über so vieles hinweg trösten in diesen schweren Zeiten.“ 

„Entschuldigen Sie, darf ich die Maske mal kurz abnehmen? Also, wenn ich mich mal reinsetzen dürfte, dann will ich auch die Maske abnehmen. Ich halte auch Abstand. Aber mit dem lächerlichen Lappen vor der Nase, da ist das halt doch nicht ganz das selbe. Da geht schon die eine oder andere Nuance verloren. Ich möchte das volle Programm endlich wieder ganz frei genießen dürfen nach den schlimmen Wochen der erzwungenen Abstinenz. Nur ein Minütchen lang mal wieder frei Atmen dürfen. Ich möchte diesen intensiven Duft zügelloser Innovation einsaugen, will mir wieder mal eine volle Breitseite des anregenden Aromas unseres deutschen Bruttosozialprodukts geben. Das kann mir doch keine Regierung verbieten. Ja, wofür leben wir denn?“

„Wenn Sie schon so freundlich fragen: Nein! Meine Gattin bevorzugt andere manchmal nicht minder teure Düfte. Aber für mich persönlich gibt es nichts angenehmeres, als dieses Fluidum von Fortschritt und Wohlleben, wie es nur in gediegenen deutschen Autohäusern gehobener Klassen herrscht. Da fällt alles von mir ab. Da kann ich mich wirklich erholen.“

„Vielen Dank auch für Ihre Mühe. Ich empfehle mich. Und Sie empfehle ich natürlich gerne weiter.“ 

(Jürgen Witte, April 2020)

Jürgen Witte: Ein Verkaufsgespräch im eigentlichen Sinne fand nicht statt

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