Eine Idylle kannst du halt nicht erzwingen

Eigentlich hatte ich damit gerechnet, dass mit dem Kontaktverbot bei uns in Berlin jetzt dörflich-beschauliche Verhältnisse einkehren. Weniger Hektik, viel Vogelgezwitscher und leergefegte Straßen, auf denen allenfalls ein gelegentlich vorbei huschender Krankenwagen die Idylle kurzfristig stört. 

Etwas von dieser Entschleunigung des Alltags ist auch wirklich zu spüren. Wann hat sich schon der Fuchs aus dem Stadtpark nach Sonnenaufgang in unseren Hinterhof gewagt? Vor einigen Tagen saß er dort morgens um halb Acht auf dem Rasen und sonnte sich genüsslich. Ja, unsere städtische Fauna scheint die sich unverhofft eröffnenden Freiräume zu genießen und die Flora macht auch allenthalben einen auf Frühling. Wie jedes Jahr. Nur dies Jahr haben wir alle viel mehr Zeit, das Schauspiel gebührend zu bewundern. Noch (Vorsicht Wortwitz!) ziert sich die Zierkirsche vor dem Balkon. Aber in ein paar Tagen ist es sicher soweit, dass die blassrosa Blätter der Blüten explodieren. Dann ist Feiertag. Pünktlich zu Ostern.

Was mir zur dörflichen Idylle in Steglitz noch fehlt, sind Menschen, die sich ein Kissen aufs Fensterbrett legen und dann bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit vorbeikommenden Passanten plauschen. Ich fand schon immer, dass dieses, auf dem Lande vornehmlich von alten Damen in Kittelschürzen gepflegte Freizeitverhalten etwas anheimelndes hat. Wenn man mit dem morgendlichen Katze streicheln nach dem Frühstück durch ist, hängt man sich halt ans Fenster. So mancher nimmt sich seine Katze sogar mit aufs Fensterbrett. Und dann wird erst mal geguckt. Ob da wer kommt? Von Rechts? Von Links? 

Wer den ganzen Tag am Fenster hängt, der ist um jeden Plausch froh. Alle, die vorbeikommen werden flugs verhaftet. Ob Freundin oder Feind. Ein paar Sätze müssen gewechselt sein. Und solche Fenstergespräche sind, weil laut geführt und also halböffentlich, zumeist frei von Bösartigkeit und gröberem Klatsch. Die üble Nachrede pflegt man höflicher weise nur hinter vorgehaltener Hand. Wer am offenen Fenster hängt spioniert ausnahmsweise mal nicht von hinter dem Vorhang.  

Schön zu beobachten wie der oder die Angesprochene sich mehrfach zum Gehen wendet, um dann doch noch mal zu verharren. Das Vorgarten Beet kann man auch ein andermal harken. Da scheint die Zeit fast still zu stehen. 

Leider ist der Berliner noch immer wenig zur Konversation am offenen Fenster geneigt. Man ist sich halt so fremd in der großen Stadt. Weis oft nicht mal zu sagen, wer aus welchem Haus gleich gegenüber wohl kürzlich das Zeitliche gesegnet hat. Und genau das, der Tod der Anderen, der war ja auf dem Dorf von alters her das beliebteste aller Gesprächsthemen gewesen. 

„Der war doch grade mal Siebzig?“

„Ist doch kein Alter.“ 

Sätze wie diese würden also eigentlich echt gut passen in der derzeitigen Lage. Oder bin ich jetzt schon wieder zu zynisch drauf? Böse Witze macht man nicht, in solch schlimmen Zeiten, wo alle Welt sich bemüht, das Volk auf Biegen und Brechen bei Laune zu halten um damit den Durchhaltewillen zu stärken.  

(Jürgen Witte, April 2020) 

Jürgen Witte: Eine Idylle kannst du halt nicht erzwingen

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