Es war doch faszinierend, wie viele Bücherregale wir in den letzten Wochen zu sehen bekamen. Wer sich aus dem „Home Office“ zu Wort meldete, der posierte vorzüglich vor einem wohlgefüllten Bücherschrank. Gerade bei den „Experten“ und „Wissenschaftlern“ ist solch bildungsbeflissener Bildhintergrund eigentlich unerlässlich. Das war auch schon vor Corona Zeiten üblich. Profunde Interviews geben sich am Besten vor auffällig ordentlich aufgereihten, beziehungsweise inmitten von unordentlich gestapelten Büchern. Solch eine, mit Druckerschwärze reichlich gesättigte Umgebung kann die Belesenheit und den Kenntnisreichtum jeder sich dem Publikum präsentierenden Autorität nur unterstreichen. 

Peinlich wird das Prunken mit Bildung allerdings dann, wenn an den aufgeklebten Signaturen am Fuß jedes Buchrückens erkennbar wird, dass es sich nicht um die eigene Bibliothek, sondern leider nur um das ausleihbare Wissen aus den Beständen der Instituts-Bücherei handelt. Damit macht der Fachmann sich verdächtig. Hat dieser dubiose Flachmann die Scharteken wirklich alle gelesen? Doch wohl eher nicht. Hat er sie nur im eigenen Büro gehortet und reagiert nie auf die regelmäßigen Aufforderungen, die zahllosen Werke endlich den anderen Nutzern der Einrichtung wieder zur Verfügungen zu stellen? Es gibt leider solche Professoren, die schamlos Druckwerke hamstern, weil sie die ständige Angst plagt, ein gewisses Buch könnte im für sie entscheidenden Moment womöglich nicht greifbar sein. 

Ex Präsident Obama meldete sich diese Woche zu Wort, und, was soll ich sagen, das Bücherregal in seinem Hintergrund zeigte sich halb leer. Ja, liest denn der Mann nicht? 

Wie es scheint, liest er nicht grade viel. Und dann stand da auffällig hervorstechend ein dickes Werk mit dem sichtbaren Name „Erving“. Mit E am Anfang. Zuerst hatte ich sogar „Ewing“ gelesen. Dachte gleich an „Dallas“. Ist das das Buch zur Serie? J.R. für arme? 

Nun denn, auf jeden Fall war Obamas Auftritt trotz des eigentlich unentschuldbaren Bücherdefizits noch immer ehrenvoller als jener des derzeit amtierenden US-Präsident, der eine ganze Straße voller Demonstranten frei räumen ließ, um hernach mit einem einzigen Buch vor der versammelte Presse zu posieren. Er hantierte dann recht unbeholfen mit einer Bibel herum, die er sich, wie Nachfragen ergaben, für den Anlass von Gott weis wem ausgeliehen hatte. Bei Trumps Amtseinführung vor drei Jahren herrschte noch kein solcher Mangel an scheinheiligem Schriftgut. Hatte er nicht symbolträchtig auf einen ganzen Stapel diverser Bibeln den Amtseid geschworen? 

Jene gewichtigen Wälzer scheinen ihm zwischenzeitlich abhanden gekommen zu sein. Ist halt viel Schwund in diesem Weissen Haus. Turbulent geht es dort zu. „Hire and fire“ nach Lust und Laune des POTUS. (Das ist jetzt kein Römer, obwohl er sich gerne so aufführt. Wer das Kürzel noch nicht kennen sollte, der mag doch Google drum fragen.)

Man muss sich angesichts der Zustände im ovalen Office nicht wundern, wenn einige der geschassten Mitarbeiter zum Abschied irgend ein Andenken mitgehen lassen. Bibeln stehen in den konservativen Kreisen der USA hoch im Kurs, sind allerdings als Mitbringsel aus dem Zentrum der Macht kaum origineller als die popligen Kugelschreiber, die der Ersatzcäsar nach jedem neuen, frisch unterschriebenen Edikt mit vollen Händen verteilt. Wo mir dann die Empfänger der milden Gabe, ob der offensichtlichen Aalverkäufer-Allüren ihres Bosses, immer etwas pikiert scheinen. 

(Jürgen Witte, Juni 2020) 

Jürgen Witte: Halbseiden oder Halbleinen?

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