Es muss nicht immer schnöder Konsum sein.

Eine von Wind und Wetter gut geschützte Nische auf unserem Hof hat sich in den letzten Jahren zum Nachbarschaftsbazar entwickelt. Irgendwelcher Verschenk-Krempel steht dort quasi immer rum. Ich finde es oft verwunderlich, was diese netten Menschen aus der Nachbarschaft nicht mehr zu brauchen glauben. Noch verwunderlicher aber ist oftmals, dass sie tatsächlich glauben, andere Leute könnten sich mit so etwas anfreunden. Viel Nippeskram findet sich da immer wieder, mal ein rustikales Regal aus gewundenen Eisenstäben, ein extra hoher Spaghetti-Kochtopf, eine aufrecht stehende, griechisch-römische Amphoren-Imitation in „Kunststein“, mit drei geschwungenen Beinchen nebst weiteren pseudo-barocken Applikationen. 

Obskurstes Objekt war aber bislang, eine mit auf antik getrimmtem, falschem Blattgold überzogene, weit über einen Meter hohe …  ja was? Eine Plastik? Ein Kunstwerk? Ein passender Eckenfüller für deinen mit Möbelstücken noch nicht vollständig zugestellten Raum? Ein Stehlampen Platzhalter, falls eine Stehlampe gerade nicht zur Hand sein sollte? Aber es leuchtete doch gar nicht? 

Das „Ding“, wie ich es jetzt mal nennen will, hatte einen schwarzen Sockel aus dem etwas Undefinierbares in einer sich ans organische Formenspektrum anlehnenden Bildsprache heraus zu wachsen schien. Von Weitem besehen, und ich besehe die neuen Angebote in dieser Nische, wenn ich mich zum Rauchen ans Fenster begebe, immer zuerst aus gehöriger Entfernung …

– von Weitem besehen erinnerte mich das Ding an die Holzplastik im Maud’schen Haushalt. Also an ein stilisiertes monumentales weibliches Geschlechtsteil, das der todessüchtige Harold in einer mir noch gut erinnerlichen Filmszene andächtig befingern darf und soll.  

War’s aber nicht. Bei meinem fälligen Besuch der Mülltonnen im Hof habe ich mir das „Ding“, das dann schon mehrere Tage lang herum stand, genauer besehen und festgestellt, dass es sich dabei, obwohl es auch eine aufrecht stehende Haarlocke sein könnte, höchst wahrscheinlich um die Darstellung einer beim Lodern und Züngeln eingefrorenen Flamme handeln soll. Stilisiertes Feuer. Deswegen auch das Blattgold. Selbiges „Ding“ hatte sich jemand irgendwann mal gekauft, auf Grund welcher Erwägungen auch immer, und nun dachte er, da er selber dieses „Dings“ überdrüssig geworden war, jemand anderes möge daran Freude finden. 

Eben dieses „Ding“ schien lange Zeit ein echter Ladenhüter zu werden, war dann aber in der zweiten oder dritten Woche doch plötzlich verschwunden. Die griechisch-römische Amphore mit dem barocken Beiwerk, in ihren Dimensionen ähnlich sperrig, war schon am nächsten Tag in den Keller unseres Ex-Hausmeisters gewandert. Wie er mir sagte, war das nicht ganz klassische Gefäß als zusätzlicher Zierrat für’s entfernt liegende Gartengrundstück gedacht. Jenes ominöse Refugium, das er mit seiner Frau jeden Sommer über dauerhaft bezieht (ich muss dann immer die Pakete aufbewahren), und von dessen Ausstattung mit fragwürdigen gestalterischen Elementen ich also nun eine erste Ahnung bekam. 

Im Laufe der letzten Woche zeigte sich das Angebot in der Nische merklich   ausgedünnt. Sogar der mangels Zubehör eigentlich völlig unbrauchbare Leitungswasser-Besprudler scheint neuer Nutzung zugeführt. Einzig die beiden Paar Damenstiefel, die dort schon länger auf zugehörigen Schuhkartons aufgebahrt herumstehen, scheinen trotz ihrer durchaus ansprechender Präsentation (fast wie neu!) keine frischen Freunde zu finden. 

Ganz zur Freude des Fuchses aus dem nahen Stadtpark, der unserem Hof in manch lauer Nacht einen Besuch abstattet, und der nun schon zum zweiten Mal das Angebot wahrnahm, auf den Lederwaren herum zu kauen und seinen Lieblingsstiefel quer durch den Hof bis auf den Rasen zu schleifen. Leider macht das Tier sich nicht Mühe, selbiges Spielzeug dann wieder ordentlich auf seinen Platz in der Nische zurück zu stellen. Dafür sind wohl wir netten Menschen zuständig. 

(Jürgen Witte, Juni 2020) 

Jürgen Witte: Privatbazar

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