Was den Weihnachtsschmuck angeht, bewegt sich unser Dorf durchaus im Bereich des Gewöhnlichen: Hier und da ein beleuchteter Weihnachtsbaum, Lichterketten an Fenstern und Zäunen, vereinzelt illuminierte Figuren wie Rentiere, Schneemänner und Rehe und einige rot leuchtende Herrnhuter Sterne. – Nichts Besonderes eigentlich. Ein Haus aber sticht schon seit Jahren aus dem Einerlei heraus; ein großes Einfamilienhaus mit einem weitläufigen Garten vor und neben dem Gebäude, das über und über im Lichterglanz erstrahlt. Am Dachgiebel, an allen Fenstern und am Balkon, der sich die ganze Frontseite entlang zieht, sind Lichterketten angebracht, hinter den Scheiben hängen glitzernde Sterne, und an der Fassade sind, von oben nach unten fließend, aufleuchtende Lämpchen angebracht. Im Vorgarten und neben dem Haus stehen ein großer, von innen erhellter Schneemann, ein Rehkitz und ein Rentier nebst Schlitten, deren Konturen mit hunderten von Glühbirnen bestückt sind. Um dem Lichtermeer, das einen zu erschlagen droht, eine heitere Note zu verleihen, hängt am Balkon zusätzlich eine Weichnachtsmannfigur. Etwa ein Meter groß krallt sie sich mit den Händen an das Geländer. Es ist schwer einzuschätzen, ob der Geschenkebringer im Begriff ist, den Balkon zu erklimmen oder ob er, von seinem schweren Sack in die Tiefe gezogen, abzustürzen droht.

Auf jeden Fall bleiben die Menschen, die bei einem Abendspaziergang durch das Dorf schlendern, am ebenfalls mit Lichtern bestückten Gartenzaun des Hauses stehen und betrachten für einen Augenblick das blinkende Schauspiel; mal bewundernd, mal mit einem spöttischen Kopfschütteln. Ich selbst habe mich noch nicht entschieden, ob ich der Familie einfach ihren Spaß gönnen soll oder die Schublade für mittelschwere Empörung aufgrund von Angeberei offenhalten sollte.

Über die Feiertage war ich auf Besuch bei meiner alten Mutter und den Geschwistern und nun am Sonntag wieder daheim. Ein kleiner Gang durch die Gemeinde, denke ich mir, ist genau das Richtige, um nach der langen Autofahrt die Glieder zu strecken und der Blutzirkulation in den verkalkten Beinarterien gleichsam unter die Arme zu greifen.

Um 17 Uhr ist es bereits finster. Die Straßen scheinen verlassen, bis ich mich dem leuchtenden Haus nähere. Schon von Weitem sehe ich eine Ansammlung von Menschen, wie es sie in diesen Tagen der Pandemie gar nicht geben dürfte. Als ich näher komme, stelle ich aber fest, dass die Leute zumindest annähernd die Mindestabstände einhalten und fast alle Masken tragen. Es liegt eine unruhige Stimmung in der Luft. Grüppchenweise wird diskutiert. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass die aufwändige Beleuchtung für soviel Aufregung sorgen kann, bis ich auf ein Detail aufmerksam gemacht werde. – Der ziemlich realistisch gestaltete Weihnachtsmann hängt nicht mehr am Balkongeländer. Es ist offenbar abgestürzt und baumelt nun mit dem Hals in der Lichterkette, als habe er sich stranguliert. Das etwas griesgrämige Gesicht blickt mit weit aufgerissenen Augen auf die Straße herunter. Es fehlte nur noch, dass ihm die Zunge aus dem Hals hinge.

Ich vermute, dass er von einer Windboe vom Geländer gerissen wurde, sich dann in der Kette verfangen und einmal gedreht hat, woraufhin sich die kleinen Glühkerzen ineinander verhakt haben und den armen Mann in dieser Position verharren ließen. Tatsächlich bietet er ein Bild des Jammers.

Man habe schon mehrfach an der Haustür geklingelt, aber die Bewohner wären wohl verreist, wird mir berichtet.

„Aber die Lichter sind um vier Uhr angegangen. Wahrscheinlich Zeitschaltuhr“, erklärt mir eine ältere Frau.

„Wenn das Kinder sehen!“, sagt ein alter Mann entrüstet.

„Ach, die sehen heute doch noch ganz andere Sachen“, mischt sich ein Passant in den Dreißigern ein.

„Ich finde das Fatale daran ist die Symbolik, die in dem Ganzen steckt“, meldet sich eine Frau in mittleren Jahren zu Wort.

„Wat für ne Symbolik?“, fragt ein Ehepaar unisono.

„Na, da ist einer beim Versuch, Gutes zu tun, gescheitert.“

„Ach hör’n se doch mit sowat auf.“

„Jedenfalls sollte das entfernt werden, finde ich“, meint der alte Mann.

„Ich würde mich nicht wundern, wenn das von Anfang an so hing. Wenn das Absicht war“, sagt ein anderer Mann in den Fünfzigern.

„Nee, das ist erst seit heute“, weiß eine junge Frau. „Und ich finde, das sollte man so lassen. Man kann das doch auch als Kritik an dem ganzen Weihnachtstrubel verstehen.“

„Ach nee“, meldet sich wieder der Passant in den Dreißigern, „aber doch nicht bei dem ganzen Budenzauber, den der hier veranstaltet!“

„Wieso der?“, entrüstet sich die Frau. „Kann doch auch ne Die gewesen sein!“

„Meistens schmückt die Frau innen und der Mann außen“, sage ich auch mal was.

„Na, sie müssen es ja wissen.“

„Genau“, sage ich. „Davon mal ab: Kennt hier eigentlich jemand die Hausbesitzer?“

Ich erfahre, dass die Leute wohl ziemliche Eigenbrötler sind und kaum Kontakt zu irgendjemanden aus dem Dorf haben.

„Jedenfalls haben sie dafür gesorgt, dass man mal wieder ins Gespräch gekommen ist. Sonst geht man doch immer einfach aneinander vorbei“, sage ich.

„Tcha“, sagt der alte Mann, der um die Kinder besorgt war, „ich geh dann mal wieder.

Wie aufs Stichwort verabschieden sich alle anderen ebenfalls. Nur eine junge Frau, die bisher nichts gesagt hat, bleibt noch stehen. „Sie haben Recht“, sagt sie. Man spricht kaum noch miteinander. Wollen wir, wenn Corona vorbei ist, vielleicht mal einen Kaffee zusammen trinken?“

„Klar“, sage ich. „Man sieht sich.“

„Nach der Pandemie um 15 Uhr bei Mario?“

„Abgemacht“, sage ich. Sie lächelt. Ich lächele zurück. Gleichzeitig werfen wir noch einmal einen Blick auf den armen Weihnachtsmann.

„Vielleicht hat er doch noch was Gutes gebracht“, sagt sie.

„Vielleicht“ sage ich. Wir stupsen unsre Ellenbogen aneinander und gehen beide gut gelaunt unserer Wege.

(Andreas Scheffler, Dezember 2020)

 

Lesestoff im Dezember: Andreas Scheffler – Der Weihnachtsmann hat sich erhängt

Beitragsnavigation


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

Close It