Mittwochnachmittag. Draußen herrscht Sprühregen, es ist arschkalt. Während sein Bruder Philipp friedlich auf dem Sofa pennt, will unser Kater Willy noch eine Runde drehen, und ich lasse ihn durch die Terrassentür nach draußen. Da biegt mein Kumpel Herbert um die Ecke und kommt langsam näher.

„Darf ich reinkommen?“, fragt er, und ich sage: „Klar, du bist der zweite Haushalt.“

In Herberts ernstes, fast trauriges, Gesicht stiehlt sich ein Lächeln. Sorgfältig tritt er sich die Schuhe ab, legt seine Jacke über einen Stuhl, nimmt am Küchentisch Platz und seufzt: „Es ist schon ein Kreuz mit diesem Weihnachten.“

„Meinst du mit Weihnachten überhaupt oder mit diesem speziell?“, frage ich und stelle uns beiden ein Bier hin. Herbert zusätzlich einen Wodka.

„Beides“, sagt mein Kumpel und schenkt sich dankbar ein Schnapsglas ein. „Ich hab’s ja eh nicht so mit Weihnachten. Jetzt wird schon wieder spekuliert, ob es Schnee gibt oder nicht. Keiner, den ich kenne, will Schnee! Es ist kalt, matschig, und du musst schippen bis zum Umfallen. Weißt du noch der Winter 2009?“

„Klar, da haben wir die Kater aus dem Tierheim in Märkisch-Buchholz geholt. Wir sind im Wald kaum durch die Schneewehen gekommen.“

„Ja, und jetzt haben wir auch noch Corona. Und den Verwandtschaftskram.“

„Na ja“, sage ich. „Ich hab’s ja auch nicht so mit diesem christlichen Zinnober. Aber Weihnachten ist eben immer ein schöner Anlass, sich mal wieder zu treffen. Du hast doch auch eine Schwester, oder?“

„Ach, hör mir auf mit meiner Schwester!“ Herbert klingt ärgerlich und zugleich traurig. „Mit meiner Schwester hab ich kaum noch Kontakt. Weißt du: Die ist krankhaft gläubig. Die bedankt sich für jeden Scheiß bei ihrem Herrn und denkt, sie hätte sich nur deshalb noch nicht angesteckt, weil sie jeden Tag x-mal betet. Kurz nach der Wende ist sie nach Bayern gezogen, und jetzt kommt der Söder bei ihr gleich an zweiter Stelle nach Jesus.“

„Kann man das Thema nicht weglassen?“, frage ich.

„Schwierig. Meine Schwester war schon immer so messiasmäßig drauf. Nach der Wende war es Helmut Kohl. Blühende Landschaften! – Hat nicht geklappt. Das war dann eben der Teufel. Oder damals Oskar Lafontaine, obwohl der mit allem Recht hatte. – Jetzt mal echt: Die arbeitet wie bekloppt für ihr Auskommen. Aber statt sich mal selbst ab und zu auf die Schulter zu klopfen, bedankt sie sich bei Gott.“

„Oh“, sage ich, „da ist wohl Hopfen und Malz verloren.“

„Darauf trinke ich“, entgegnet Herbert, nimmt einen kräftigen Schluck Bier, bekommt offenbar eine Idee und hebt den rechten Zeigefinger, noch während er sein Glas absetzt. „Wenn überhaupt einer der Teufel ist, dann der Söder. Der sieht schon so aus. Wie der guckt! Wie der Dings, nicht der Brandauer. Na, … wie Rolf Hoppe, genau. Wie Rolf Hoppe guckt der! Wie Rolf Hoppe als Göhring.“

Ich schenke ihm sein inzwischen geleertes Schnapsglas voll. „Sabine und ich werden, wenn nichts dazwischen kommt, meine beiden Brüder besuchen“, sage ich, um auf’s Thema zurückzukommen.

„Und die sind okay?“ Herbert ist wieder bei der Sache und nimmt einen kleinen Schluck.

„Die sind sehr okay“, sage ich. „Als ich Kind war, wollte ich, wenn wir erwachsen gewesen wären, mit denen in ein gemeinsames Haus ziehen.“

„Würdest du das heute immer noch?“ Herbert scheint ehrlich erstaunt.

„Nee“, sage ich. „Aber es ist schon Familie.“

„Und wer versorgt in der Zeit eure Katzen? Das ist doch auch Familie.“

„Ja“, sage ich, „das ist der innere Kreis. Darum kümmert sich Sabines Mutter.“ Auf einmal habe ich eine lustige Idee. „Wenn du dich einsam fühlst und gerade nichts zu tun hast. Guck doch einfach mal vorbei. Meine Schwiegermutter würde sich bestimmt freuen. Bier ist im Kühlschrank, und der Wodka steht auch immer kalt.“

„Meinst Du echt?“ Herbert scheint vorsichtig interessiert zu sein.

„Klar“, sage ich, „ihr seid doch beide allein.“ Ich muss ihm nicht unbedingt sagen, dass meine Schwiegermutter ein starkes Vorurteil gegen Menschen hat, die regelmäßig – und schon gar nachmittags – Alkohol trinken.

„Mal sehen“, sagt Herbert, und wir stoßen mit unseren Biergläsern an.

In dem Moment macht sich unser Kater Willy an der Terrassentür bemerkbar. Ich lasse ihn herein, und er begrüßt Herbert mit ein paar Worten in seiner für uns nicht ganz verständlichen Sprache.

„‘N Abend, Willy“, entgegnet Herbert, „warst Du drüben bei Nachbars Bruno? Habt Ihr einen zusammen getrunken? Dann setz dich mal zu uns und nimm noch einen.“

Willy lässt sich nicht lange bitten, springt auf den freien Stuhl neben meinem Freund und lässt sich den Nacken kraulen.

Na dann ist ja alles gut, denke ich. Wenn Herbert und Willy freundschaftlich mit sich im Reinen sind, dann ist die Welt in Ordnung.

(Andreas Scheffler, Dezember 2020)

Lesestoff im Dezember: Andreas Scheffler – Herbert und die Familie

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