Ich stehe im Supermarkt an der Kasse. Aus einem Radio im Lager weiter hinten dudelt heitere amerikanische Weihnachtsmusik. Mein Blick wandert über die zum Bersten gefüllten Süßwarenregale, in der Tat, da gibt es  keinen Zweifel: Santa Claus is coming to town. 

Adventszeit. Schon wieder. Es geht von Jahr zu Jahr schneller, ist mein Gefühl.
Für manche Menschen ist es eine Zeit der Besinnung und Einkehr. Für mich alle Jahre wieder der wahrscheinlich längste Balance-Akt der Welt.
Jeden Tag aufs Neue suche ich die Balance zwischen Stille und Stress, Genuss und Völlerei, zwischen Geschenk und Konsum, Tanne und Umwelt, Kerze und LED, Wahlverwandtschaft und Familie.

Ich habe es gestern mal grob überschlagen: es sind ca. 8,5 % unserer Lebenszeit, die wir mit Advent verbringen. Das muss man sich mal klarmachen, 8,5 %. Bei einer durchschnittlichen Anzahl von 150.000 Haaren auf meinem Kopf macht das 12.000 graue.

In diesem Jahr nun ist alles anders. In meinem steten Versuch, auch die guten Aspekte dieser elenden Pandemie zu erkennen, kann ich nun sagen, dass ich mich in diesem Jahr mit so gutem Gewissen wie nie zuvor fern halte von jeder noch so erleuchteten Shopping-Mall, jedem verkaufsoffenen Sonntag und jeglicher sonstigen Art von Weihnachtsblingbling.
Ich hab die Lizenz. Die Welt hat die Lizenz. Gutes tun durch Konsumverweigerung. Ein Traum wird wahr.

Ein paar Kleinigkeiten für die lieben Kinderlein sind natürlich eine Ausnahme.
Gerade war Nikolaus. Hach, ich erinnere mich an diese Zeit der klitzekleinen süßen Stiefelchen, die mit großer Sorgfalt und Aufregung vor dem Schlafengehen aufgestellt wurden…
Inzwischen sind meine Kinder groß, ziemlich groß sogar. Um es mal klar zu sagen: im Flur liegen heute ausgelatschte Sneakers in den Größen 44 und 50 rum. – Hat jemand eine Vorstellung davon, was da rein geht?!
Man muss da irgendwie auffüllen, anders geht es gar nicht.
Und dann kommt es halt zu so Szenen, wo der Teenager morgens mit großer Geste einen Apfelaus dem Schuh befördert, kniend streckt er ihn zum Himmel, „Endlich!…“ ruft er theatralisch, „So einen hab ich mir schon immer gewünscht!“
Ja ja, ich höre das kleine Seufzen zwischen den Zeilen. Ihre Schulfreunde kriegen teilweise Playstations, I-Pads und Einkaufsgutscheine im dreistelligen Bereich zum Nikolaus, ich bin da mehr so der Typ Apfel, Nuss und Mandarine. Schon immer! Und dies Jahr mehr als je zuvor.

Adventszeit also. Das ist auch immer wieder diese Zeit, wo Freundinnen und Kolleginnen mir mit leuchtenden Augen von ihren Adventskalendern und Nikolausgeschenken erzählen.
Andreas z.B. hat für Angelika einen Kalender mit selbst geschriebenen Gedichten gebastelt. Katrin hatte dies Jahr einen Gutschein für ein Wellnesswochenende im Stiefel. „Das war eine Überraschung“ sagt sie.
„Mein Mann überrascht mich auch fast jeden Tag“ sage ich dann trotzig „und das nicht nur im Advent!“
Gestern zum Beispiel hat er im Schlaf Geräusche gemacht wie Chewbakka. Das war auch eine Überraschung. Was soll ich sagen…

Ich stehe also im Supermarkt an der Kasse an, da zieht ein Schokoladen-Weihnachtsmann meine Aufmerksamkeit auf sich oder vielmehr der Text der dazu gehörigen Beschreibung:

„Neben dem Weihnachtsmann mit klassisch-rotem Mantel präsentiert sich die neue Glamour-Edition in Silber, Gold oder Roségold. Dank neuem glitzernden Mantel wird dieser Weihnachtsmann zum funkelnden Blickfang und idealen Geschenk  für alle, die Wert auf einen glamourösen Look legen.“

Hammer. Ein Heidi-Klum-Weihnachtsmann, quasi. Was kommt als nächstes? Die Karl Lagerfeld Gedächtnis Edition, der Santa mit Jogginghose? Liebe Süßwarenindustrie, wer hat hier die Kontrolle über sein Leben verloren?

Es gibt ja überhaupt viel Lesestoff dieser Tage. Zu Hause sind mein Briefkasten und v.a. das E-Mail-Postfach seit Wochen überfüllt mit personalisierter Werbung. Es heißt ja, dass diese ganzen Algorithmen uns durch Analyse unserer Aktivität im Netz mittlerweile besser kennen als wir uns selbst. Das finde ich wirklich bedenklich. Zumal das bedeutet, dass ich mir ernsthaft Gedanken machen muss, woher all diese geheimen Wünsche kommen, von denen ich bisher keine Ahnung hatte.

Eine Werbung, die ich erstaunlicherweise immer wieder geschickt bekomme, ist die für den smarten Rosenkranz. Während wir in Berlin immer noch E-Roller und E-Bikes für den heißen Scheiß halten, ist im Vatikan inzwischen der E-Rosenkranz der Renner: Der „e-Rosary mit der Click to Pray-Funktion“.
Ich als evangelisch sozialisierte Semi-Atheistin wäre nie darauf gekommen, dass ich mir daswünsche, aber diese Algorithmen werden schon wissen, was sie tun. Möglicherweise kommen sie darauf, weil ich neulich auf Youtube ein Video angeguckt habe, in dem es um Weihnachten und kirchliche Symbole ging. Also, im weitesten Sinne. Sagen wir, ich erinnere mich an einen Song, der die interessante Textpassage enthielt „Wenn Jesus gevierteilt worden wäre, hinge heute in jeder Kirche ein Mobilé.“  Das hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Und dieser Luxus-Schokoladenweihnachtsmann? Macht mich auch nachdenklich. Ich lese noch den letzten Satz der Produktbeschreibung:

„Trotz neuem hollywoodreifem Auftritt bleiben die inneren Werte des Weihnachtsmannes erhalten“ steht da.

Aha, denke ich. Das ist doch beruhigend, dass es in dieser schnelllebigen Zeit noch Dinge gibt, die bleiben. Und tatsächlich, ich hab ihn mal in die Hand genommen:
Hohl ist er immernoch.

(Susanne Riedel, Dezember 2020)

Lesestoff im Dezember: Susanne Riedel – Advent

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