Die Weihnachtszeit in diesem Jahr, sie war schon eine spezielle.
Es gab durchaus ein paar Dinge, die mir fehlten.
Das traditionelle Treffen mit meiner Freundin Nina, zum Beispiel, bei dem wir uns sonst immer am Abend des 23.12. – auf einem Barhocker im Fenster vom Mr. Hai Life sitzend – das bevorstehende Fest mit Mai Thai schöntrinken.

Oder der Duft von Tanne. Auch der fehlte, denn ich hatte verschlafen, mir rechtzeitig noch ein paar Zweige zu besorgen, und dann waren, zack, im Zuge des Lockdowns plötzlich nicht nur die Blumenläden dicht, sondern auch die Stände auf dem Markt weg.
Um ehrlich zu sein, ist es ja nur zum Teil der Duft der frischen Tanne, der mir fehlt. Vielmehr noch sind die schon leicht vertrockneten Nadeln. Beziehungsweise jener Moment, wo man mit aufgestütztem Kinn satt und gemütlich am Tisch sitzt, bei langsam gelöster werdenden Gesprächen mit anderen satten Menschen an der Tischdeko oder am Adventskranz rumspielt und dann, mit nachdenklichem Blick und leichtem Schielen, einen kleinen Tannenzweig in die Kerzenflamme hält bis es glimmt, schmökt und ein bißchen stinkt. Also, natürlich nur, wenn die Kinder nicht gucken. Wo kämen wir da hin! Ich mach´s natürlich immer nur, wenn sie gerade mit den Rauchern auf dem Balkon stehen. Erziehung. So wichtig.

Es gab aber auch so manches, das mir an dieser Weihnachtszeit gar nicht fehlte.
Vor allem die überfüllten Warenhäuser und Straßen habe ich nicht vermisst, das Getriebene in den Augen der Passanten und – auch bei mir selbst – dieses latente Gefühl von Rastlosigkeit bis kurz vor Kartoffelsalat.

Ein Gedicht fiel mir ein, dass ich letztes Jahr geschrieben hatte, als ich gerade vom Kaufkampf in der Schloßstraße nach Hause gekommen war. 2019. „Damals“. Ich hab es mal rausgesucht.
Frei nach Joseph von Eichendorff – also sehr, sehr frei – hatte ich damals geschrieben:

Mall und Straßen aufgeblasen
Hell erleuchtet jedes Haus
Sinnend geh ich durch die Massen –
Alles sieht sehr hässlich aus.

In den Fenstern haben Frauen
Plastikpuppen angehübscht
Tausend Euro, kaum zu glauben,
für ein dröges Cashmere-Stück.

Und ich wand´re aus den Mauern
bis hinaus zum Glühweinzelt
Hehres Glänzen mancher Augen:
Alkohol – ein weites Feld.

Schau´ mir zu, im bunten Treiben,
beim Ausverkauf der Einsamkeit,
Nicht leicht, bei sich und still zu bleiben
In dieser wunderlichen Zeit.

Weihnachten 2020 nun war ich still und bei mir wie noch nie.
So entspannt, dass ich mich fast schon fragte, ob das jetzt wirklich Weihnachten ist, wenn ich nicht bis zuletzt irgendwas kaufe, koche, putze, verpacke oder verschicke. Das ist schließlich so eine Art Familientradition, in mütterlicher Linie direkt auf mich übergegangen. In dritter Generation!
Und siehe da, auch ohne das ganze Brimborium: es ward Weihnachten.
Es war verblüffend.
Ich verschenkte sehr wenig, ein paar Bücher von Kolleg*innen, selbstgebackene Plätzchen, aus Kron- und Sektkorken gebastelte Engel und Pflanzenstäbe mit bemalten Schneckenhäusern aus dem Frohnauer Forst. Gibt´s in keiner Mall. Und sind zudem biologisch abbaubar, wenn´s nicht gefällt. Auch ein Aspekt, der nicht zu unterschätzen ist. (Man kann ja nicht immer alles gegen Kapitalismus verschenken. Am Ende gucken die Leute noch zu.)
Vielleicht kann ich mir dieses Gedicht ja zur mahnenden Erinnerung an alles, was mir 2020 nicht gefehlt hat, in den inneren Kalender kleben. Damit ich mich daran erinnere, wenn 2021 wieder zum großen Weihnachtsshopping geblasen wird. Oder besser noch: Ihr erinnert mich dran! Ihr wisst ja jetzt Bescheid.

(Susanne Riedel, Dezember 2020)

Lesestoff im Dezember: Susanne Riedel – Erinnert mich dran

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