Eine anstrengende Schicht am Glühweinstand geht dem Ende entgegen. Über Stunden haben Stefan und ich hunderte Tassen des heißen Getränks ausgeschenkt, uns über das Publikum mal geärgert, mal gefreut, mal mehr, mal weniger schlagfertige Antworten auf blöde Bemerkungen gegeben und in ruhigeren Phasen nette Gespräche geführt. Nun, da der Andrang etwas nachlässt, spüren wir die Schmerzen im Rücken und in den Füßen und blicken mit Erleichterung auf den Feierabend. Der letzte Kessel ist noch zu gut einem Viertel gefüllt. Die Menschen machen sich allmählich auf den Heimweg. Vermutlich werden ein paar Liter übrig bleiben.

„Die schmecken nie mehr so gut wie heute“, sagt Stefan und sieht mich bedauernd an.

„Ja“, stimme ich ihm zu, „Aber das können wir nicht selbst austrinken.“

„Jedenfalls nicht alles. Wollen wir einen ausgeben?“, fragt Stefan.

„Klar“, sage ich, „bevor’s umkommt. Aber jetzt wahllos an alle oder wollen wir uns aussuchen, wem wir was schenken?“

Stefan macht eine wichtige Miene und erklärt: „Nicht an alle! Ich würde zum Beispiel niemandem im Pelzmantel einen ausgeben.“

„Gut“, sage ich, „die brauchen nichts umsonst. Aber als Wirte im weiteren Sinne haben wir ja nicht nur die Macht, sondern auch eine gewisse soziale Verantwortung. Ich würde keinem unter 25 einen geben – soweit man das schätzen kann. Davon hatten wir schon genug Besoffene hier.“

„D’accord. Also kein Gratis-Glühwein an zu junge und an zu aufgebrezelte Leute.“

„Dafür aber an Menschen, die aussehen, als hätten sie wenig Geld“, erkläre ich.

Unterdessen hat sich eine kleine Schlange gebildet, die ich in schnell bediene und mich dann wieder Stefan zuwende.

Der stutzt. „Du hast ja alle abkassiert!“

„Klar“, sage ich, „die waren alle in den Vierzigern und sahen stinknormal aus.“

„Aber die waren alle sehr nett“, gibt Stefan zu bedenken.

„Okay“, sage ich, „dann kriegen die Netten den Wein jetzt auch für lau.“

Derweil schenkt mein Kollege an ein älteres Paar aus und verzichtet auf die Bezahlung, worauf die beiden sich überschwänglich bedanken und fröhlich abziehen. „Omas und Opas zahlen bei mir ab sofort nichts mehr“, stellt Stefan fest.

„Aber die Frau hatte einen Pelzkragen“, wende ich ein.

„Wem willst du denn dann einen ausgeben?“, fragt Stefan ungeduldig.

„Na, zum Beispiel der freundlichen Supermarktkassiererin Anfang fünfzig, die nach der Arbeit einen Absacker trinken möchte“, sage ich aus dem Stegreif.

„Und die hübsch ist“, ergänzt Stefan grinsend.

„Schönheit liegt immer im Auge des Betrachters“, merke ich an.

„Und du bist der Betrachter“, schlaumeiert darauf der Kollege.

„Weißt du was: Wir nehmen uns jetzt jeder selbst erst mal einen und dann machen wir beide, was wir jeweils wollen“, erkläre ich.

„Gut“, meint Stefan, „aber wenn die Leute sehen, dass wir das unterschiedlich handhaben, ist das auch nicht so toll.“

„Aber die kommen doch alle nur einmal!“ Langsam reicht es mir.

„Aber das spricht sich doch rum!“ Der Kollege ist offenbar rechtschaffen besorgt um unseren Ruf.

„Dann müssten wir ein konkretes Regelwerk aufstellen. Und das wegen nicht mal fünf Litern Glühwein. Und wir müssten das mit unseren Standkolleginnen und -kollegen ausdiskutieren. Weißt du, worauf das hinauslaufen würde?“, frage ich resigniert.

„Wahrscheinlich würden wir letztlich alles wegkippen“, stellt Stefan fest.

„Genau.“

„So’n Mist.“

„Ja, so’n Mist. – Was hältst du von Vetternwirtschaft?“, frage ich leise.

„Du meinst Klüngelei. Na ja …“

„Ich mache jetzt ein Tablett voll und gehe rum zu den Kollegen an den anderen Ständen. Okay?“

„Sehr okay“, sagt Steffen.

 

(C) Andreas Scheffler

Lesestoff im Februar – Andreas Scheffler: Einst am Glühweinstand

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