Der Himmel ist blau

Samstagmorgen, nach der klirrenden Kälte der Nacht nimmt ein strahlender Wintertag Anlauf, die Sonne lacht hell vom blauen Himmel.
Eine Liedzeile von den Ärzten kommt mir in den Sinn:
Der Himmel ist blau und der Rest Deines Lebens liegt vor Dir.

Ich liebe dieses Lied, es war in verzagten Zeiten schon oft mein Begleiter und verpasste mir mit seiner unbändigen Energie zuweilen die Art von Tritt in den Hintern, die einen Schritt nach vorne bedeutet.
Vielleicht sollte ich es mal wieder anmachen. Ein wenig Aufmunterung könnte ich schon gebrauchen. So langsam wird es mühsam mit diesem Lockdownleben.  Andreas sagte neulich: Man lebt diese Zeit so weg, und ich finde, das trifft es ganz gut.

Mir fehlt dieser Tage das Lebendige, Unbeschwerte, ganz besonders das Tanzen, das merke ich immer wieder.
Ein Indikator dafür ist, dass ich immer, wenn ich an der Tür der Bäckerei dieses Schild mit den Hinweisen zur Niesetikette sehe, anfange mit dem Fuß zu wippen. In meinem Kopf macht es Ummz-ummz-ummz und ich bin gefühlt kurz vorm Headbanging – denn dieses abgebildete Männchen sieht für mich gar nicht aus als würde es niesen – sondern vielmehr als hätte es gerade eine richtig gute Party.

Dazu passt dann irgendwie auch, dass ich neulich in die Apotheke ging und nach einer mp3-Maske verlangte. Die Apothekerin hatte mich eine Weile fragend angesehen und dann nur sehr trocken gefragt, ob FFP2 auch okay wäre.
Das war mir schon ein bißchen peinlich, als ich meinen Fehler bemerkte,  aber hat mich gleichzeitig auch zum Lächeln über mich selbst gebracht. Immerhin!
(Und ich hatte da schließlich schon ganz andere Versprecher, letzte Woche bei der Reformbühne hatte ich statt „Mit frischem Schnitt verlasse ich den Friseur“ gelesen: „Mit frischem Schritt verlasse ich den Friseur“ – ein Satz, der bei genauerer Betrachtung zu einer interessanteren Geschichte gehören könnte, aber zu einer gänzlich anderen halt.)
Was ich sagen will: wenn ich ausgerechnet in Zeiten wie diesen damit aufhöre, über mich selbst zu lachen, dann erst wird es richtig traurig.

Nicht immer ist das einfach, aber man muss sich dann auch einfach mal ein bißchen Mühe geben.
Gestern zum Beispiel war ein richtig guter Tag, das zu üben.

Da hatte ich direkt nach dem Frühstück so einen jähen Anflug von Aktivität.  Das kommt nicht so oft vor, das musste ich ausnutzen, also habe ich gleich mal die geplatzten Bierflaschen vom Balkon entsorgt. Ich hatte zu spät dran gedacht, sie reinzunehmen, den halben Kasten hat´s erwischt, nun schob ich es schon ein paar Tage vor mir her, das Gewirr aus Scherben, gefrorenem Bier und Schnee aufzuräumen. Alkoholfrei. Das hatte ich nun davon.
Zum Abtauen der heilgebliebenen Flaschen brauchte ich Platz am Spülbecken. Da stand aber noch das halbe Frühstückstablett rum, das ich nicht zu Ende abgeräumt hatte, weil mich ja dieser Aktivitätsanfall übermannt hatte.
Ich räumte die Sachen also fix und möglicherweise etwas achtlos in den Kühlschrank.
Wenig später musste ich leider feststellen, dass der komplette Kühlschrank in Öl schwamm. Die angefangene Packung mit den Garnelen in Chili-Knoblauch-Öl war mir beim Einräumen offenbar auf die Seite gefallen und war nicht richtig verschlossen.
Dinge, die auslaufen, stehen immer im obersten Fach, das ist ja so eine Art Grundgesetz, so gab es einen feinen roten Ölfilm auf allen drei Ebenen inklusive mäandernden Flussärmchen Richtung Gemüsefach.

Fluchend räumte ich den Kühlschrank aus, alles stand überall, ich zog die Glasplatte vom Gemüsefach, auf der das meiste schwamm, zur Reinigung heraus, aber das Spülbecken war voller abtauender Bierflaschen, also lief ich mit dem öligen Ding zur Badewanne. Als ich den Wasserhahn anstellte und mich über die Wanne beugte, um das Gröbste erstmal abzuspülen, musste ich leider feststellen, dass die Armatur noch auf Dusche gestellt war. Kaltes Wasser brauste auf meinen Kopf, meine frisch gewaschenen Haare hingen auf die ölige Glasplatte hinab, durch das geöffnete Fenster pfiff der Ostwind.

Es gibt diesen Punkt, da hast Du nicht mehr viele Optionen, da kannst Du Dich im Grunde nur noch entscheiden zwischen Atmen und Schreien. Ich entschied mich fürs Atmen. Auch wegen der Nachbarn, das Schreien im Bad hallt immer so unschön…

Bis die Wohnung und ich wieder einigermaßen im Lot waren, ging etwas Zeit ins Land. Es gibt ja so Tage, da sollte man einfach nichts anfassen.
Wo ich jetzt so drüber nachdenke – vielleicht hätte ich Alex davon erzählen sollen, als er mich am Nachmittag bat, ihm die Haare zu schneiden. Er sieht jetzt ein bißchen aus wie Bibo, aber wenn´s das nur ist.  Nach diesem Vormittag bin ich ja schon froh, dass es keine Verletzten gab…

Apropos Verletzte.
Das Lied von den Ärzten ist vielleicht wirklich eine ganz gute Hymne für diese Zeit des gefühlten Stillstands. Und eine schöne Erinnerung, dass das, was gerade stattfindet, auch irgendwie unser Leben ist.  In diesem Sinne:

„Die Welt gehört dir,
was willst Du mit ihr machen,
verrat es mir,
spürst Du wie die Zeit verrinnt,
jetzt stehst du hier
und du hörst nicht auf zu lachen,
die Welt gehört Dir – und der Rest deines Lebens beginnt –

Yeah.“

(C) Susanne Riedel, Februar 2021

Lesestoff im Februar: Susanne Riedel – Der Himmel ist blau

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